Kapitel 64

Die Treppe

Der Fahrstuhl im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten war ein Gerät von beachtlicher historischer Bedeutung. Er war 1978 eingebaut worden, zu einer Zeit, als das Amt noch glaubte, vier Stockwerke zu haben, und hatte seitdem eine Karriere durchlaufen, die man bestenfalls als „intermittierend" bezeichnen konnte. Er fuhr ins Erdgeschoss. Er fuhr in den ersten Stock. Er fuhr, an guten Tagen und mit sanftem Zureden, in den zweiten, dritten, vierten und fünften Stock. Er fuhr unter keinen Umständen in den sechsten Stock, und zwar aus dem einfachen Grund, dass der sechste Stock offiziell nicht existierte.

Thomas Müller-Hinterberg stand vor dem Fahrstuhl und drückte den Knopf mit der „6." Es geschah, was immer geschah: Die Anzeige über der Tür leuchtete kurz auf, zeigte ein Symbol, das entweder ein „E" oder ein stilisiertes Fragezeichen war, und erlosch. Thomas drückte noch einmal. Die Anzeige blieb dunkel.

Er nahm die Treppe.

Die Treppe des AAZ war ein Bauwerk, das seine eigene Erzählung verdiente — eine Erzählung aus Linoleum, Handläufen und jenem spezifischen Echo, das entsteht, wenn Schuhe auf Betonstufen treffen und der Klang durch ein Treppenhaus hallt, das nie für akustischen Komfort entworfen wurde. Thomas kannte die Treppe. Er hatte sie in den letzten Wochen mehrfach bestiegen, auf seinem Weg zu Zimmer 601, Schmieds geheimem Büro im nicht existierenden sechsten Stock. Aber heute, an diesem Dienstagmorgen — dem Dienstag vor dem Dienstag, an dem er zur Dienstagstraße fahren wollte, was eine Häufung von Dienstagen darstellte, die Thomas als verdächtig empfand —, beschloss er, die Stufen zu zählen.

Erdgeschoss bis erster Stock: 23 Stufen. Das Linoleum war hier grau, jenes institutionelle Grau, das nicht so sehr eine Farbe als vielmehr die Abwesenheit einer Entscheidung darstellte. Thomas zählte laut, was ihm einen irritierten Blick von Frau Kessler aus der Poststelle einbrachte, die ihm auf der siebten Stufe entgegenkam und so tat, als hätte sie ihn nicht gehört. Thomas respektierte diese Höflichkeit.

Erster bis zweiter Stock: 24 Stufen. Eine mehr als zuvor. Thomas registrierte die Abweichung mit der Sorgfalt eines Mannes, der wusste, dass in diesem Gebäude nichts zufällig war — oder alles, was auf dasselbe hinauslief. Das Linoleum wechselte hier zu einem Farbton, den man am ehesten als „ehemals beige" beschreiben konnte.

Zweiter bis dritter Stock: 23 Stufen. Thomas passierte die Tür zu seinem eigenen Stockwerk, Zimmer 312, und unterdrückte den Impuls, kurz vorbeizuschauen und zu prüfen, ob alles in Ordnung war. Es war neun Uhr dreizehn. In Zimmer 312 war alles in Ordnung, denn in Zimmer 312 war immer alles in Ordnung, in jenem kosmisch bedeutungslosen Sinne, in dem „Ordnung" bedeutete, dass der Aktenstapel noch nicht umgefallen war.

Dritter bis vierter Stock: 22 Stufen. Zwei weniger. Thomas begann, die Zahlen in seinem Kopf zu addieren: 23 plus 24 plus 23 plus 22. 92 Stufen bis zum vierten Stock. Er überlegte, ob diese Information für den Untersuchungsausschuss relevant war, und entschied, dass wahrscheinlich alles für den Untersuchungsausschuss relevant war, da der Ausschuss bislang keine Kriterien für Relevanz definiert hatte.

Vierter bis fünfter Stock: 25 Stufen. Das Linoleum endete hier abrupt und wurde durch nackten Beton ersetzt, als hätte der Fußbodenbelag beschlossen, ab dieser Höhe nicht mehr mitzumachen. Am Treppenabsatz des fünften Stocks hing ein Schild: „Kein Zutritt — Dachboden." Thomas kannte das Schild. Es log.

Er hatte die Gesamtzahl notiert: 117 Stufen bis zum fünften Stock. Bei seiner letzten Zählung hatte er 137 gezählt. Die Diskrepanz betrug 20 Stufen. Thomas überlegte, ob das Gebäude Stufen verloren hatte — was, wenn man die sonstigen architektonischen Eigenarten des AAZ bedachte, durchaus im Bereich des Möglichen lag — oder ob er sich beim letzten Mal verzählt hatte. Er entschied sich für die zweite Erklärung, nicht weil sie wahrscheinlicher war, sondern weil sie weniger beunruhigend.

Hinter dem Schild begann die geheime Treppe.

Sie war schmal, unbeleuchtet und roch nach einer Mischung aus altem Papier und jenem undefinierbaren Aroma, das entsteht, wenn ein Gebäude Geheimnisse hat, die es lieber für sich behalten würde. Thomas zählte: 13 Stufen. Dreizehn. Beim letzten Mal waren es auch dreizehn gewesen. Die geheime Treppe war offenbar die einzige Konstante in diesem Gebäude, was Thomas als beruhigend empfand, obwohl die Zahl 13 in den meisten Kulturen als Unglückszahl galt. Im AAZ galt sie vermutlich als Formularziffer.

Er erreichte den sechsten Stock.

Der Flur war still. Neonröhren summten ihr endloses Lied der Energieverschwendung. Thomas ging an Zimmer 601 vorbei — Schmieds Büro, dessen Tür geschlossen war, aber nicht abgesperrt, denn Thomas hatte den Schlüssel — und blieb vor der Wand daneben stehen.

Die Wand.

Pflüger hatte gesagt: „601b ist die Abstellkammer neben 601, durch die Wand." Thomas hatte damals nicht verstanden, was „durch die Wand" bedeutete. Er hatte angenommen, es sei eine Metapher, eine jener bildlichen Wendungen, die Hausmeister verwenden, um architektonische Gegebenheiten zu beschreiben, die sich einer rationalen Erklärung entziehen. Aber Pflüger war kein Mann der Metaphern. Pflüger war ein Mann der Schraubenschlüssel und Sicherungen. Wenn Pflüger „durch die Wand" sagte, meinte er durch die Wand.

Thomas klopfte.

Das Geräusch, das entstand, war nicht das dumpfe Pochen, das man erwartete, wenn man gegen eine solide Wand klopfte. Es war hohler. Leichter. Es klang wie — Thomas suchte nach einem Vergleich — wie eine Trommel, die jemand mit Tapete überzogen hat.

Er klopfte erneut, systematisch, von links nach rechts, in Abständen von etwa zwanzig Zentimetern. Die Wand war hohl. Nicht überall — der Bereich direkt neben der Tür von 601 war solide, ebenso das Stück ganz rechts, wo die Wand in die Ecke des Flurs überging. Aber dazwischen, auf einer Fläche von ungefähr einem Meter Breite und zwei Metern Höhe, war die Wand hohl.

Thomas suchte einen Mechanismus.

Er drückte gegen die Wand. Nichts. Er schob. Nichts. Er klopfte rhythmisch, für den Fall, dass es sich um ein akustisches Schloss handelte — drei kurz, drei lang, drei kurz, das internationale Morsezeichen für SOS, das auch das einzige Morsezeichen war, das Thomas kannte. Nichts.

Er trat einen Schritt zurück und betrachtete die Wand genauer. Die Tapete — ein Muster aus verblassten Rauten, das in den achtziger Jahren modern gewesen sein musste und seitdem mit der stillen Würde des Vergessenen existierte — wies an einer Stelle eine leichte Unregelmäßigkeit auf. Ein Rechteck, kaum sichtbar, etwa auf Brusthöhe. Thomas drückte darauf.

Ein Ziegel bewegte sich.

Er bewegte sich nicht viel — vielleicht einen Zentimeter nach innen, mit einem leisen Klicken, das mehr zu spüren als zu hören war. Thomas zog den Ziegel heraus. Dahinter, im Dunkel des Hohlraums: ein Schlüsselloch. Messing, alt, leicht angelaufen. Thomas starrte es an. Dann griff er in seine Tasche und holte den Schlüssel heraus, den er im doppelten Boden von Schmieds Schreibtisch gefunden hatte. Den Schlüssel mit der Gravur: „601b."

Er führte den Schlüssel ein. Er passte. Er drehte ihn. Ein Geräusch — nicht laut, eher ein tiefes, mechanisches Seufzen, als würde ein Gebäude ein Geheimnis preisgeben, das es vierzig Jahre lang für sich behalten hatte.

Die Wand schwang auf.

Nicht die gesamte Wand — nur das hohle Segment, das sich als eine in die Wand eingelassene Tür entpuppte, so geschickt konstruiert, dass sie von der Tapete und dem umgebenden Mauerwerk nicht zu unterscheiden war. Die Tür schwang nach innen und gab den Blick frei auf — nichts. Oder genauer: auf Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die so vollständig war, dass sie nicht die Abwesenheit von Licht zu sein schien, sondern dessen Gegenteil. Eine Dunkelheit, die aktiv dunkel war, als hätte jemand sie dort hineingestellt wie einen Gegenstand.

Thomas stand auf der Schwelle zwischen dem neonbeleuchteten Flur des sechsten Stocks und der Dunkelheit von Zimmer 601b.

Aus der Dunkelheit kam kein Geräusch. Kein Geruch. Keine Bewegung. Nur die Stille eines Raums, der sehr lange geschlossen gewesen war und sich nun fragte, ob er bereit war, geöffnet zu werden.

Thomas holte tief Luft. Er dachte an seine To-Do-Liste, an Punkt 47 — „Herausfinden, was Vorgang 2847/B eigentlich ist" —, und trat über die Schwelle.

Die Dunkelheit schloss sich um ihn wie ein Aktendeckel.