Zimmer 601b
Die Dunkelheit war total und, wenn Thomas ehrlich war, auch ein wenig theatralisch. Es war die Art von Dunkelheit, die man in Filmen findet, kurz bevor jemand einen Lichtschalter betätigt und etwas Dramatisches enthüllt wird — ein Skelett, eine Schatzkarte, ein Einhorn. Im wirklichen Leben war totale Dunkelheit meistens nur ein Zeichen dafür, dass jemand vergessen hatte, eine Glühbirne zu wechseln.
Thomas tastete an der Wand entlang.
Seine Finger glitten über rauen Putz, über eine Stelle, an der die Farbe abblätterte, über etwas, das sich wie ein Kabel anfühlte — und dann über einen Lichtschalter. Er war aus Bakelit, jenem Material, das in den fünfziger Jahren als Zukunft der Technik galt und seitdem in würdevoller Obsoleszenz existierte. Thomas drückte.
Neonlicht flackerte an.
Es flackerte nicht auf die entschlossene Art, in der Neonlicht in modernen Büros angeht — sofort, gnadenlos, als wolle es sagen: Hier gibt es nichts zu verbergen. Es flackerte auf die zögerliche Art alter Neonröhren, die lange nicht benutzt worden waren: ein Aufleuchten, ein Erlöschen, ein erneutes Aufleuchten, begleitet von einem surrenden Geräusch, das klang wie eine Biene, die Existenzphilosophie betreibt. Dann, nach etwa fünf Sekunden des luminösen Stotterns, stabilisierte sich das Licht und enthüllte Zimmer 601b.
Der Raum war klein.
Pflüger hatte gesagt „Abstellkammer", und in gewisser Weise hatte er recht. Die Grundfläche betrug vielleicht drei mal vier Meter — gerade genug Platz für einen Menschen, der nicht dazu neigte, ausladende Gesten zu machen. Die Decke war niedrig, niedriger als im Flur draußen, was den Raum das Gefühl gab, sich leicht nach vorne zu beugen, als wolle er einem etwas zuflüstern.
Aber dies war keine gewöhnliche Abstellkammer.
An den Wänden standen Regale. Metallregale, grau, funktional, von der Art, die man in Archiven und Kellerräumen findet und die den Eindruck erwecken, als wären sie nicht gebaut, sondern kondensiert worden — aus der reinen Essenz bürokratischer Notwendigkeit. Und auf den Regalen standen Ordner.
Thomas zählte.
Er begann links unten und arbeitete sich nach rechts oben vor, systematisch, wie ein Sachbearbeiter es tat. Reihe eins: Ordner 1 bis 12. Reihe zwei: 13 bis 24. Reihe drei: 25 bis 36. Reihe vier: 37 bis 48. Reihe fünf: 49 bis 60. Reihe sechs: 61 bis 73.
Dreiundsiebzig Ordner.
Alle beschriftet. Alle mit der gleichen Handschrift — eine Handschrift, die Thomas inzwischen kannte wie seine eigene: die kleinen, präzisen Buchstaben von Schmied, die aussahen, als wären sie nicht geschrieben, sondern gedruckt worden, von einer Maschine, die Perfektion anstrebte und sie auch erreichte.
2847/B — Band 1.
2847/B — Band 2.
2847/B — Band 3.
Und so weiter, in numerischer Ordnung, bis:
2847/B — Band 73.
Thomas stand in der Mitte des Raums und drehte sich langsam um die eigene Achse. Dreiundsiebzig Bände. Über einen einzigen Vorgang. Thomas hatte in fünfzehn Jahren Karriere nicht dreiundsiebzig Bände über alle seine Vorgänge zusammen produziert. Schmied hatte dreiundsiebzig Bände über einen Vorgang geschrieben, der — nach Schmieds eigener Aussage — von nichts handelte.
Thomas versuchte, die Mathematik zu begreifen. Wenn jeder Band, sagen wir, zweihundert Seiten umfasste — das war eine konservative Schätzung, denn die Ordner waren dick, schwer und hatten jene leicht bauchige Form, die Ordner annahmen, wenn sie zu viel enthielten —, dann waren das vierzehntausendsechshundert Seiten. Über nichts. In einer Abstellkammer, die man nur durch eine geheime Tür in einer Wand erreichen konnte, die man nur durch einen Schlüssel öffnen konnte, den man nur in einem doppelten Boden eines Schreibtischs in einem Büro finden konnte, das in einem Stockwerk lag, das offiziell nicht existierte.
Thomas zog Band 1 aus dem Regal.
Der Ordner war schwer — schwerer als erwartet, als enthielte er nicht nur Papier, sondern auch das Gewicht von Jahren, von Arbeit, von einer Besessenheit, die Thomas begann, vage zu verstehen. Er öffnete ihn.
Seite 1: Inhaltsverzeichnis.
Das Inhaltsverzeichnis war zwei Seiten lang und mit jener Detailfreude verfasst, die Thomas als Kennzeichen eines Geistes erkannte, der entweder brillant oder wahnsinnig war — oder beides, was im AAZ auf dasselbe hinauslief. Es enthielt Kapitelüberschriften wie:
Kapitel 1: Die Entstehung des Vorgangs.
Kapitel 2: Die erste Iteration.
Kapitel 3: Die unbeabsichtigte Konsequenz.
Kapitel 4: Der Locher (eine Retrospektive).
Kapitel 5: Warum Formulare Formulare erzeugen — eine systemtheoretische Betrachtung.
Kapitel 6: Der Versuch, das System zu stoppen, und warum er scheiterte.
Kapitel 7: Einhorn (Exkurs).
Thomas blätterte zu Kapitel 1. Die erste Seite begann mit einem Satz, der in seiner schlichten Eleganz an die großen Eröffnungen der Weltliteratur erinnerte — wenn die Weltliteratur sich mit Verwaltungsrecht beschäftigt hätte:
„Am Anfang war das Formular, und das Formular war bei der Abteilung, und das Formular war die Abteilung."
Thomas las weiter. Schmied beschrieb, wie Vorgang 2847/B entstanden war: als Folgevorgang von 2847/A, dem legendären Locher-Beschaffungsantrag von 1987. Nachdem der Locher bestellt worden war — ein Vorgang, der selbst sieben Formulare erfordert hatte —, musste die Bestellung bestätigt werden. Die Bestätigung erforderte ein Formular. Das Formular erzeugte einen neuen Vorgang. Der neue Vorgang erforderte eine Bearbeitung. Die Bearbeitung erforderte ein Formular. Das Formular erzeugte einen neuen Vorgang.
Es war, schrieb Schmied, „die verwaltungstechnische Entsprechung der Kernfusion: eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion, angetrieben nicht durch Uran, sondern durch Durchschlagpapier."
Thomas las eine Stunde. Er las zwei Stunden. Er las, bis das Neonlicht über ihm begann, in einem Rhythmus zu flackern, der entweder ein Zeichen von Materialermüdung oder ein Morsezeichen war. Er las Schmieds akribische Dokumentation der Formular-Kaskade, die sich über Jahre, Jahrzehnte erstreckte und mit jedem Band an Komplexität zunahm, wie ein Fraktal, das mit jedem Vergrößerungsfaktor neue, identische Muster offenbarte.
Auf Seite 7 von Band 1 — Thomas hatte die Seitenzahl im Gedächtnis behalten, wie man sich den Geburtstag eines nahen Verwandten merkt — stand ein Absatz, den Schmied offensichtlich mit besonderer Sorgfalt formuliert hatte. Die Tinte war dunkler hier, als hätte Schmied den Stift fester aufgedrückt, als hätte er gewollt, dass diese Worte das Papier durchdringen und sich in das Regal darunter einbrennen:
„Dieser Vorgang handelt von nichts. Und genau das ist das Problem. Denn ein Vorgang, der von nichts handelt, kann nicht abgeschlossen werden, weil es nichts abzuschließen gibt. Er kann nicht gelöscht werden, weil es nichts zu löschen gibt. Er kann nicht ignoriert werden, weil er — durch das bloße Nicht-Handeln — weitere Formulare erzeugt, die weitere Vorgänge erzeugen, die weiteres Nicht-Handeln dokumentieren. Der Vorgang 2847/B ist ein Perpetuum mobile der Bürokratie. Er existiert, weil er existiert. Er wächst, weil er wächst. Und er wird nicht enden, weil es nichts gibt, das enden könnte."
Thomas schloss den Ordner.
Er stand in Zimmer 601b, umgeben von dreiundsiebzig Bänden der dokumentierten Sinnlosigkeit, und ihm wurde klar, dass Schmied nicht verrückt gewesen war. Schmied war der Einzige gewesen, der verstanden hatte. Vorgang 2847/B war kein Geheimnis. Er war kein Rätsel. Er war kein Verschwörung und keine Intrige und kein vergrabener Schatz. Er war ein System, das sich selbst fütterte, ein bürokratischer Organismus, der keine Nahrung brauchte, weil er sich von seiner eigenen Existenz ernährte.
Thomas stellte Band 1 zurück ins Regal und nahm Band 73 — den letzten — heraus.
Der Ordner war dünner als die anderen. Viel dünner. Er enthielt keine zweihundert Seiten, nicht einmal fünfzig. Thomas öffnete ihn. Auf der ersten Seite stand, in Schmieds makelloser Handschrift, ein einziger Satz:
„Ich gehe jetzt. Jemand anders muss es beenden."
Thomas las den Satz dreimal. Dann schloss er den Ordner, stellte ihn zurück ins Regal und löschte das Licht. Er trat durch die geheime Tür zurück in den Flur des sechsten Stocks, schloss die Wand hinter sich und steckte den Schlüssel in die Tasche.
Im Flur summten die Neonröhren ihr endloses Lied. Aus Zimmer 601 — Schmieds Büro — war leise das Surren eines Computers zu hören, der nie ausgeschaltet worden war. Und an der Wand, neben der Tür von 601, hing ein Einhorn-Poster, das Thomas anlächelte mit dem heiteren Gesichtsausdruck eines Wesens, das alle Geheimnisse der Welt kennt und keines davon für wichtig hält.