Das Fenster in 601b
Es gibt architektonische Unmöglichkeiten, die auf Fehlern beruhen — ein Treppenhaus, das nirgendwohin führt, eine Tür, die sich zu einer Wand öffnet, ein Aufzug, der den sechsten Stock verweigert. Und dann gibt es architektonische Unmöglichkeiten, die auf etwas anderem beruhen, etwas, das man nicht als Fehler bezeichnen kann, weil es dafür zu absichtlich wirkt. Zu durchdacht. Zu unmöglich.
Thomas Müller-Hinterberg entdeckte diese zweite Kategorie an einem Donnerstagmorgen um 10:14 Uhr, als er Zimmer 601b zum dritten Mal betrat — diesmal nicht, um die Ordner zu lesen, sondern um nach etwas zu suchen, das er übersehen haben könnte. Eine Notiz vielleicht. Ein weiterer Schlüssel. Ein Hinweis darauf, wie man einen Vorgang beendete, der nie begonnen hatte. Stattdessen fand er ein Fenster.
Es befand sich an der Rückwand des Raums, hinter den Regalen, die Band 61 bis 73 enthielten. Thomas hatte es bei seinen vorherigen Besuchen nicht bemerkt, weil die Ordner es verdeckt hatten. Erst als er Band 67 herausgezogen hatte — um eine Stelle nachzuschlagen, an der Schmied die Wachstumskurve der Formulare mit der Populationsdynamik von Kaninchen verglichen hatte —, sah er es: ein Fenster, etwa sechzig mal vierzig Zentimeter, mit einem einfachen Holzrahmen und einer Scheibe, die überraschend sauber war.
Thomas trat näher und blickte hindurch.
Was er sah, ergab keinen Sinn.
Hinter dem Fenster lag kein Himmel. Keine Hauswand. Kein Dach. Hinter dem Fenster lag ein Büro. Ein Büro, das Thomas kannte. Ein Büro, das er jeden Tag betrat, in dem er jeden Tag saß, in dem er jeden Tag Kaffee trank und Formulare ausfüllte und auf E-Mails wartete, die nie kamen oder — schlimmer — die kamen und den Betreff „DRINGEND" trugen.
Zimmer 312.
Thomas sah seinen Schreibtisch. Seinen neuen Bürostuhl — den ergonomischen, den Nachfolger des zerbrochenen, in dessen Innenleben der schwarze USB-Stick versteckt gewesen war. Seine Kaffeetasse, die auf dem Schreibtisch stand, halb voll, mit einem Ring aus getrocknetem Kaffee am Rand, der aussah wie die Jahresringe eines kleinen, traurigen Baums. Er sah den Aktenstapel auf der linken Seite, den Schnellhefter „Schmied-Materialien" auf der rechten, den Kalender an der Wand, auf dem der Dienstag — der kommende Dienstag, der Tag, an dem er zur Dienstagstraße fahren wollte — mit einem roten Kreis markiert war.
Er sah Zimmer 312 von oben.
Das war das Problem. Thomas befand sich im sechsten Stock. Zimmer 312 befand sich im dritten Stock. Das Fenster in 601b zeigte — wenn es sich an die Gesetze der Geometrie hielte — entweder nach draußen oder in einen angrenzenden Raum auf der gleichen Etage. Es zeigte nicht drei Stockwerke nach unten. Es konnte nicht drei Stockwerke nach unten zeigen. Wände besaßen keine diagonalen Fenster, die durch mehrere Geschossdecken führten. Das war nicht Architektur. Das war Escher.
Thomas presste die Nase gegen die Scheibe. Das Bild war gestochen scharf — schärfer, als es bei einer Entfernung von drei Stockwerken sein sollte, selbst wenn die Entfernung physikalisch möglich wäre, was sie nicht war. Er konnte die Schrift auf dem Kalender lesen. Er konnte den Staub auf dem Bildschirm seines Computers erkennen. Er konnte sehen, dass jemand — er selbst, vermutlich, gestern — einen Kugelschreiber neben der Tastatur liegen gelassen hatte, und zwar den blauen, nicht den schwarzen, was Thomas irritierte, weil er den blauen nur für Entwürfe benutzte und er ihn nicht auf dem Schreibtisch hätte liegen lassen sollen.
Er klopfte ans Fenster.
Das Geräusch war gedämpft, als würde die Scheibe den Klang schlucken. In Zimmer 312 bewegte sich nichts. Kein Echo. Keine Reaktion. Die Kaffeetasse stand still. Der Aktenstapel ruhte. Der Kugelschreiber lag, wo er lag. Es war, als blicke Thomas in ein Diorama — eine perfekte, dreidimensionale Nachbildung seines Büros, eingefroren in einem Moment, der gleichzeitig vertraut und fremd war.
Und dann — der Gedanke kam nicht plötzlich, sondern schlich sich heran wie eine Katze, die weiß, dass sie nicht auf den Tisch darf, und es trotzdem tut — dann verstand Thomas.
Das Foto.
Der Vierfach-Umschlag. Der Dreifach-Umschlag im Vierfach-Umschlag. Der Umschlag im Dreifach-Umschlag im Vierfach-Umschlag. Und darin: ein Foto. Ein Foto von Thomas’ Schreibtisch. Von oben aufgenommen. Thomas hatte sich damals gefragt, woher das Foto stammte. Wer hatte seinen Schreibtisch von oben fotografiert? Es gab keine Position in Zimmer 312, von der aus man ein solches Foto hätte machen können. Die Decke hatte keine Luke. Es gab keine Galerie, keinen Balkon, keinen erhöhten Punkt, von dem aus jemand nach unten hätte fotografieren können.
Aber es gab dieses Fenster.
Dieses unmögliche, geometrie-verachtende, architektur-verhöhnende Fenster in einer Abstellkammer im sechsten Stock, das einen Blick bot auf ein Büro im dritten Stock, als wäre der Raum dazwischen — die Geschossdecken, die Büros, die Rohre und Kabel und Betonplatten — einfach nicht vorhanden. Als hätte jemand ein Loch in die Realität geschnitten und ein Stück davon entfernt, wie man ein Kapitel aus einem Buch reißt und die verbleibenden Seiten zusammenpresst, bis sich die Lücke schließt.
Thomas trat einen Schritt zurück. Er betrachtete das Fenster aus der Distanz. Es war ein normales Fenster. Holzrahmen. Einfache Verglasung. Keine Linse, kein Spiegel, kein optisches Gerät, das die Illusion eines drei Stockwerke tiefer liegenden Büros erzeugen könnte. Es war einfach ein Fenster, das etwas zeigte, das es nicht zeigen konnte.
Thomas akzeptierte dies mit der Gelassenheit eines Mannes, der in den letzten Wochen geheime Stockwerke entdeckt, Haikus vom Drucker empfangen und ein Alpaka im Innenhof eines Verwaltungsgebäudes akzeptiert hatte. Die Latte für „unmöglich" lag im AAZ inzwischen so hoch, dass selbst ein Fenster mit Blick in eine andere Dimension nur ein mildes Achselzucken hervorrief.
Er machte sich eine Notiz: Fenster in 601b → Blick auf Zimmer 312 → Quelle des Fotos im Vierfach-Umschlag. Geometrisch unmöglich. Weitere Untersuchung empfohlen (Unterliste H).
Er wollte sich gerade abwenden, als sich etwas in Zimmer 312 bewegte.
Die Tür ging auf.
Thomas erstarrte. Durch die Tür von Zimmer 312 — seinem Büro, drei Stockwerke tiefer, gesehen durch ein Fenster, das nicht existieren durfte — trat eine Gestalt. Die Gestalt trug einen Stapel Akten, der die Höhe und Instabilität eines Kartenhauses im Endstadium hatte. Die Gestalt hatte kurzes, graues Haar, eine Brille mit dünnem Metallrahmen und jene aufrechte Haltung, die Menschen annehmen, die seit Jahrzehnten schwere Ordner tragen und deren Wirbelsäule sich entsprechend angepasst hat.
Es war Frau Behrens-Goldbach.
Thomas sah zu, wie sie den Aktenstapel auf seinem Schreibtisch ablegte — neben dem blauen Kugelschreiber, den er dort vergessen hatte. Er sah, wie sie sich umsah, mit der beiläufigen Gründlichkeit einer Person, die wusste, was sie suchte, aber nicht wollte, dass es aussah, als würde sie suchen. Er sah, wie sie die Schnellhefter auf seinem Schreibtisch durchblätterte. Er sah, wie sie den Kalender an der Wand betrachtete — den roten Kreis um den Dienstag.
Dann tat sie etwas, das Thomas’ Herz einen Moment lang aussetzten ließ, bevor es mit verdoppelter Geschwindigkeit weiterarbeitete: Sie blickte nach oben.
Nicht direkt zum Fenster. Nicht direkt zu Thomas. Aber in die allgemeine Richtung der Decke, mit einem Gesichtsausdruck, der sagte: Ich weiß, dass du dort bist. Ich weiß, dass dieses Fenster existiert. Ich weiß es, weil ich es selbst einmal entdeckt habe, in einem anderen Leben, in einem anderen Jahrzehnt, als ich noch diejenige war, die die Fragen stellte.
Thomas wich vom Fenster zurück. Sein Herz schlug mit einer Frequenz, die sein Arzt als „bemerkenswert" und sein Therapeut als „vielversprechend, aber bitte setzen Sie sich" bezeichnet hätte.
Er löschte das Licht in 601b. Er schloss die geheime Tür. Er ging die 13 Stufen hinunter. Er ging die 117 regulären Stufen hinunter, wobei er diesmal nicht zählte, weil sein Gehirn mit anderen Berechnungen beschäftigt war — Berechnungen, die weniger mit Stufen und mehr mit der Frage zu tun hatten, wie viel seine Kollegin wirklich wusste.
Er erreichte den dritten Stock. Er ging den Flur entlang. Er öffnete die Tür zu Zimmer 312.
Frau Behrens-Goldbach war nicht da.
Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel Akten, der vorher nicht dort gewesen war. Und daneben — neben dem blauen Kugelschreiber, neben der halb vollen Kaffeetasse — lag ein gelbes Post-it.
Darauf stand, in Frau Behrens-Goldbachs akkurater Handschrift:
„Sie haben das Fenster gefunden. Kommen Sie in mein Büro. Es ist Zeit, dass wir reden."