Die Erklärung
Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, in denen man versinkt. Und dann gibt es dreiundsiebzig Aktenordner über die Beschaffung eines Lochers, in denen man ertrinkt.
Thomas Müller-Hinterberg war am nächsten Morgen — einem Mittwoch, der so grau war, dass selbst die Farbe Grau ihn als übertrieben empfunden hätte — um sieben Uhr dreißig ins Amt gekommen, hatte sich einen Kaffee aus der Maschine E-2847 geholt (die seit ihrer Reparatur im vergangenen Jahr zuverlässig Flüssigkeit produzierte, deren Verhältnis zu Kaffee ungefähr dem Verhältnis eines Fahrstuhlfotos zum Originalgemälde entsprach), und war direkt in den sechsten Stock gestiegen. 117 Stufen plus 13. Zimmer 601b. Lichtschalter. Neonflackern. Ordner.
Er hatte mit Band 2 begonnen.
Band 2 trug den Untertitel „Die Bestätigung der Bestätigung" und dokumentierte den Zeitraum von März 1987 bis November 1987. In diesen acht Monaten waren, laut Schmieds akribischer Aufzeichnung, folgende Formulare erzeugt worden:
Formular 3a-Durchschlag (Bestätigung des Eingangs der Bestellbestätigung des Lochers).
Formular 3a-Durchschlag-Rückbestätigung (Bestätigung, dass die Bestätigung des Eingangs der Bestellbestätigung eingegangen war).
Formular 3a-Durchschlag-Rückbestätigung-Empfangsbeleg (Bestätigung, dass die Bestätigung der Bestätigung des Eingangs der Bestellbestätigung empfangen worden war).
Und so weiter.
Schmied hatte jedes einzelne Formular dokumentiert. Nicht nur seinen Inhalt, sondern seine Genese, seine Auswirkungen, die Formulare, die es erzeugte, und die Formulare, die diese Formulare erzeugten. Er hatte Flussdiagramme gezeichnet, die aussahen wie die Stammtafeln europäischer Adelshäuser — komplex, verschlungen und letztlich sinnlos, da jeder mit jedem verwandt war und niemand wusste, warum. Er hatte Tabellen angelegt, in denen er die exponentielle Wachstumsrate der Formulare dokumentierte: 7 Formulare im ersten Jahr. 23 im zweiten. 67 im dritten. 198 im vierten.
In Band 7 — „Der Wendepunkt" — beschrieb Schmied den Moment, in dem er das Muster erkannt hatte. Es war ein Dienstagmorgen gewesen — natürlich ein Dienstag —, als er am Schreibtisch gesessen und auf einen Stapel von 34 unbearbeiteten Formularen geblickt hatte, die alle aus einem einzigen Vorgang stammten, der aus einem einzigen Locher-Bestellformular hervorgegangen war.
„Ich erkannte", schrieb Schmied, „dass ich nicht einen Vorgang bearbeitete. Ich bearbeitete ein System. Und das System bearbeitete mich."
In Band 12 — „Der Versuch" — dokumentierte Schmied seinen Plan, die Kette zu durchbrechen. Die Idee war elegant in ihrer Einfachheit: Wenn jedes Formular ein neues Formular erzeugte, dann musste es ein Formular geben, das diesen Kreislauf beendete. Ein perfektes Formular. Ein Formular, das so vollständig, so fehlerfrei, so endgültig ausgefüllt war, dass das System keinen Anlass fand, ein weiteres zu erzeugen.
Formular 7b.
Thomas kannte die Bürolegende 6a: Schmied hatte Formular 7b perfekt ausgefüllt. Jedes Feld. Jeder Durchschlag. Jede Anlage. Es war das einzige Mal in der Geschichte des AAZ, dass ein Formular 7b ohne Beanstandung durch die interne Prüfung gegangen war. Die Legende besagte, dass Frau Winkler aus der Formularprüfung — eine Frau, die in vierzig Berufsjahren nie ein Formular ohne mindestens drei Beanstandungen hatte passieren lassen — das Dokument geprüft, zweimal geprüft, dreimal geprüft und dann ihren Stempel mit einer Hand aufgedrückt hatte, die, wie Augenzeugen berichteten, leicht zitterte.
Aber es hatte nicht funktioniert.
Band 13 — „Das Scheitern" — war der dünnste Band der Reihe. Er enthielt nur zwanzig Seiten. Auf der ersten stand:
„Formular 7b wurde akzeptiert. Fehlerfrei. Ohne Beanstandung. Und am nächsten Morgen lagen drei neue Formulare in meinem Fach. Das System hatte nicht aufgehört. Es hatte die Perfektion des Formulars als neuen Input verarbeitet und daraus neue Outputs erzeugt: ein Formular zur Bestätigung der Perfektion, ein Formular zur Dokumentation der Bestätigung der Perfektion, und ein Formular zur Archivierung des Formulars zur Dokumentation der Bestätigung der Perfektion.
Ich hatte versucht, ein Perpetuum mobile zu stoppen, indem ich es perfekt schmierte."
Thomas lehnte sich zurück — was in der Enge von 601b bedeutete, dass sein Rücken gegen das Regal auf der gegenüberliegenden Seite stieß und drei Ordner gefährlich wackelten.
Er las weiter. Band für Band. Die Bände 14 bis 40 dokumentierten Schmieds wachsende Obsession mit dem Vorgang. Er hatte mathematische Modelle entwickelt. Er hatte die Wachstumsrate der Formulare mit der Fibonacci-Folge verglichen und festgestellt, dass sie sich „qualitativ ähnlich, aber quantitativ überlegen" verhielt. Er hatte Kontakt zu einem Professor für Chaostheorie an der örtlichen Universität aufgenommen — anonymisiert, versteht sich, unter dem Pseudonym „Herr F." — und dessen Analyse eingeholt. Der Professor hatte geantwortet: „Das, was Sie beschreiben, ist kein Chaos. Es ist Ordnung. Und zwar die schlimmste Art von Ordnung: eine, die keinen Zweck hat."
In Band 47 — Thomas registrierte die Zahl mit einem Anflug von Schwindel — hatte Schmied begonnen, Exkurse einzufügen. Band 47 enthielt einen dreißigseitigen Essay über Einhörner. Thomas las die ersten zwei Seiten:
„Das Einhorn ist das perfekte Symbol für Vorgang 2847/B. Es existiert nicht. Es hat nie existiert. Und dennoch hat es Einfluss — auf Kunst, auf Kultur, auf die Vorstellungskraft. Vorgang 2847/B ist das bürokratische Einhorn: ein Wesen, das durch seine Nicht-Existenz mehr bewirkt als die meisten existierenden Vorgänge je bewirken werden."
An der Wand von 601b — Thomas bemerkte es jetzt erst, da er von Band 47 aufblickte — hing ein Einhorn-Poster. Identisch mit dem in Zimmer 601. Dasselbe Einhorn, derselbe Regenbogen, dieselbe Schrift: „Believe in yourself!" Nur war dieses Poster mit einer Ergänzung versehen, handschriftlich, in Schmieds Schrift: Unter „Believe in yourself!" stand, in kleinen, sauberen Buchstaben: „…auch wenn du nicht existierst."
Thomas las die Bände 48 bis 72 im Schnelldurchlauf. Sie dokumentierten Schmieds letzte Jahre im Amt — Jahre, in denen er zunehmend isoliert gearbeitet hatte, zunehmend nachts, zunehmend in Räumen, die offiziell nicht existierten. Er hatte Zimmer 601 bezogen, als die Abteilung 6 aufgelöst wurde. Er hatte 601b als Archiv eingerichtet. Er hatte die geheime Tür konstruieren lassen — von Pflüger, wie Thomas mit einem Anflug von Bewunderung las, der offenbar deutlich mehr Talente besaß als die Reparatur von Heizungsventilen.
In Band 71 beschrieb Schmied seine wachsende Überzeugung, dass der Vorgang 2847/B nicht beendet werden konnte — nicht, weil es unmöglich war, sondern weil die Frage „Wie beendet man etwas, das nie begonnen hat?" keine Antwort besaß. Der Vorgang war nie ein Vorgang gewesen. Er war ein Symptom. Ein Symptom eines Systems, das Vorgänge erzeugte, wie Bäume Blätter erzeugten: nicht aus Absicht, sondern aus Natur.
In Band 72 schrieb Schmied seinen Abschiedsbrief — jenen Abschiedsbrief, den der Drucker Thomas vor Wochen ausgespuckt hatte, mit frischer Tinte, als wäre er gerade erst geschrieben worden.
Und in Band 73 — dem letzten Band, dem dünnsten, dem einzigen, der nicht voll war — stand nur jener eine Satz, den Thomas bereits kannte:
„Ich gehe jetzt. Jemand anders muss es beenden."
Thomas schloss den letzten Ordner. Er saß auf dem Boden von 601b — der einzigen freien Fläche in dem Raum — und blickte auf die Regale, die ihn umgaben wie die Wände eines Labyrinths, das aus Papier gebaut war.
Dreiundsiebzig Bände. Die Lebensgeschichte eines Vorgangs, der kein Vorgang war. Die Lebensgeschichte eines Mannes, der versucht hatte, das Unmögliche zu tun: Ordnung ins Nichts zu bringen.
Und am Ende war er gegangen. Zur Dienstagstraße 7b. Zu einem Haus mit einem Alpaka im Vorgarten. Er war gegangen, und er hatte nur diesen einen Satz hinterlassen, als Vermächtnis, als Auftrag, als Flaschenpost in einem Ozean aus Durchschlagpapier:
Jemand anders muss es beenden.
Thomas stand auf. Seine Knie knackten — ein Geräusch, das in der Stille von 601b klang wie ein Pistolenschuss in einer Bibliothek. Er löschte das Licht, schloss die geheime Tür, steckte den Schlüssel ein und ging die 13 Stufen der geheimen Treppe hinunter, die 117 Stufen der regulären Treppe hinunter, durch den Flur, vorbei an Zimmer 314 — Frau Behrens-Goldbachs Büro, deren Tür geschlossen war —, und in Zimmer 312.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Er öffnete seine To-Do-Liste. Er strich Punkt 47 durch.
Dann schrieb er darunter, in großen Buchstaben, einen neuen Punkt 48:
48. Es beenden.
Er hatte keine Ahnung, wie.