Der Computer in 601
Am Freitag — drei Tage vor dem Dienstag, an dem Thomas zur Dienstagstraße fahren wollte, was bedeutete, dass zwischen ihm und der Begegnung mit Schmied noch ein Wochenende lag, das Thomas mit der gleichen Vorfreude und dem gleichen Unbehagen betrachtete, mit dem ein Fallschirmspringer den Boden betrachtet — beschloss Thomas, noch einmal in Zimmer 601 zu gehen. Nicht in 601b, die Abstellkammer mit den 73 Ordnern und dem unmöglichen Fenster. In 601. Schmieds Büro.
Er stieg die Treppe hinauf. 117 plus 13. Er zählte nicht. Er hatte aufgehört zu zählen, nachdem die Stufen bei jeder Zählung eine andere Summe ergeben hatten, und akzeptiert, dass die Treppe des AAZ sich an keine Mathematik hielt, die Thomas kannte — möglicherweise an keine Mathematik, die irgendjemand kannte.
Zimmer 601 war, wie immer, in jenem Zustand konservierter Abwesenheit, der eintritt, wenn ein Mensch einen Raum verlässt und der Raum beschließt, auf ihn zu warten. Der Schreibtisch. Der Stuhl. Der Computer — ein beiger Kasten, der das Wort „Computer" mit der gleichen Großzügigkeit beanspruchte, mit der ein Dreirad das Wort „Fahrzeug" beanspruchte. Das Einhorn-Poster an der Wand. Der Screensaver auf dem Monitor: ein Einhorn, das über eine Wiese galoppierte und dabei digitale Glitzerpartikel hinterließ, die in den späten Neunzigern vermutlich als Gipfel der Animationstechnik gegolten hatten.
Thomas setzte sich vor den Computer und bewegte die Maus. Der Screensaver verschwand. Der Desktop erschien — ein Hintergrundbild, das einen Sonnenuntergang über einem Meer zeigte, wobei das Meer die Farbe von Formularblättern hatte und der Sonnenuntergang in einem Farbton leuchtete, den man am ehesten als „amtliches Orange" bezeichnen konnte.
Thomas hatte den Computer bei seinem letzten Besuch nur oberflächlich untersucht. Er hatte den Ordner „Vorgang 2847B" auf dem Desktop gesehen und geöffnet — er enthielt hunderte von Dateien mit Namen wie „Formular_3a_Durchschlag_Rückbestätigung_v17_KORRIGIERT_FINAL.doc" — und war von der schieren Masse an Dokumenten überwältigt zurückgewichen wie ein Wanderer, der einen Ameisenhügel auftritt und die Konsequenzen bereut.
Diesmal schaute er genauer.
Er klickte auf „Arbeitsplatz." Die Festplatte hatte den Buchstaben C:\ und trug den Namen „SCHMIED_DIENSTLICH." Thomas öffnete sie. Die übliche Ordnerstruktur: Dokumente, Programme, Windows. Und dann, in der Ecke, fast unsichtbar vor dem Hintergrundbild: ein Ordner mit dem Namen „.schmied".
Der Punkt vor dem Namen. In der digitalen Welt war ein Punkt vor einem Dateinamen das Äquivalent eines Schilds mit der Aufschrift „Bitte nicht beachten" — was, wie jeder wusste, der jemals ein solches Schild gesehen hatte, genau das Gegenteil bewirkte.
Thomas öffnete den Ordner.
Er enthielt eine einzige Datei.
2847B_FINAL_v2_WIRKLICH_FINAL.doc
Thomas betrachtete den Dateinamen. Er hatte in seiner Karriere viele Dateien gesehen, die das Wort „FINAL" im Namen trugen. Er hatte „FINAL_v2" gesehen. Er hatte „FINAL_v2_KORRIGIERT" gesehen. Er hatte sogar „FINAL_v2_KORRIGIERT_DIESMAL_WIRKLICH" gesehen, und zwar von einem Praktikanten, der zwei Wochen später gekündigt hatte. Aber „WIRKLICH_FINAL" war neu. Es war eine Behauptung, die so verzweifelt klang, dass sie entweder die Wahrheit sein musste oder das exakte Gegenteil.
Thomas doppelklickte.
Ein Dialogfenster erschien. Weiß, schmucklos, mit einem einzigen Textfeld und der Aufforderung:
Passwort eingeben.
Thomas starrte auf das Feld. Das Passwort. Natürlich. Jede Datei in dieser Geschichte war passwortgeschützt. Der rote USB-Stick: passwortgeschützt. Die E-Mails: verschlüsselt. Die Abstellkammer: per Schlüssel gesichert. Und jetzt diese Datei, die letzte Datei, die einzige Datei im einzigen versteckten Ordner auf dem einzigen Computer eines Mannes, der seit fünfzehn Jahren verschwunden war.
Thomas begann zu raten.
Er tippte: Dienstag.
Falsches Passwort.
Er tippte: Einhorn.
Falsches Passwort.
Er tippte: Formular7b.
Falsches Passwort.
Er tippte: 2847B.
Falsches Passwort.
Er tippte: Schmied.
Falsches Passwort.
Thomas lehnte sich zurück. Er dachte nach. Was würde Schmied als Passwort wählen? Ein Mann, der Einhorn-Poster aufhing und Haikus an Drucker sendete. Ein Mann, der 73 Bände über nichts geschrieben hatte. Ein Mann, dessen Visitenkarte unter einem Bürostuhl lag und dessen Abschiedsbrief in frischer Tinte gedruckt wurde. Was war Schmieds Geheimnis? Was war das Wort, das alles zusammenhielt?
Thomas blickte aus dem Fenster.
Das Fenster von Zimmer 601 — das reguläre Fenster, das nach draußen zeigte und sich an die Gesetze der Physik hielt, im Gegensatz zu seinem Pendant in 601b — bot einen Blick auf den Innenhof des AAZ. Und im Innenhof stand, wie jeden Tag, das Alpaka.
Es stand da und kaute. Die drei Babies — Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn — standen in einer lockeren Gruppe neben ihm und taten, was Alpaka-Babies taten: existieren, kauen und gelegentlich einander anschauen, als teilten sie ein Geheimnis, das zu unwichtig war, um es auszusprechen, und zu wichtig, um es zu vergessen.
Thomas wandte sich wieder dem Computer zu.
Alpaka.
Falsches Passwort.
Er versuchte es mit kleinem Anfangsbuchstaben.
alpaka.
Falsches Passwort.
Er versuchte: AlpakaBaby.
Falsches Passwort.
Thomas schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Es war keine Geste der Wut — Thomas war selten wütend, und wenn, dann auf eine Weise, die sich hauptsächlich in leicht beschleunigtem Blinzeln äußerte. Es war eine Geste der Frustration, jener spezifischen Frustration, die entsteht, wenn man weiß, dass die Antwort irgendwo liegt, aber nicht weiß, wo „irgendwo" ist — was, wenn Thomas es recht bedachte, auch eine ziemlich gute Zusammenfassung seiner gesamten Ermittlung zu Vorgang 2847/B darstellte.
Er blickte wieder aus dem Fenster. Das Alpaka hatte aufgehört zu kauen. Es stand still. Sehr still. Es blickte zu Thomas hinauf, mit jenen großen, dunklen Augen, die Alpakas besaßen und die den Eindruck erweckten, als enthielten sie mehr Verständnis als sämtliche Sachbearbeiter des AAZ zusammen.
Und dann begann es zu laufen.
Nicht schnell. Nicht hektisch. Es lief langsam, bedächtig, in jener Art, in der Alpakas sich fortbewegen — als hätten sie alle Zeit der Welt und als wäre die Welt nicht besonders groß. Es lief in einem Bogen, der von der linken Seite des Innenhofs zur rechten führte und dabei eine Kurve beschrieb, die — Thomas blinzelte — die Form eines Buchstabens hatte.
Ein „A."
Thomas setzte sich aufrecht hin.
Das Alpaka lief zurück. Eine andere Kurve. Schmaler diesmal, mit einem kleinen Haken am Ende. Ein „l."
Thomas griff nach einem Stift.
Das Alpaka lief weiter. Ein „p." Dann ein Halt, ein Kauen, als müsste es nachdenken. Dann weiter: noch ein Buchstabe, der aussah wie… Thomas kniff die Augen zusammen. Das Alpaka hatte offensichtlich eine klare Vorstellung von Typographie, aber seine Beine waren nicht für Kalligraphie optimiert. Der Buchstabe sah aus wie ein… ein…
Thomas stutzte. Es war ein weiteres „a." Nein, ein ganzes Wort formte sich im Staub des Innenhofs, geschrieben von den Hufen eines Tieres, dessen Existenz in diesem Gebäude nie offiziell anerkannt worden war.
A… l… p…
Drei Buchstaben. Das Alpaka stand still. Es blickte hinauf zu Thomas. Dann senkte es den Kopf und begann zu kauen.
Thomas wartete. Eine Minute. Zwei Minuten. Fünf Minuten. Das Alpaka kaute. Die Babies spielten. Die Sonne — die seit Tagen hinter Wolken versteckt gewesen war — brach durch eine Lücke und beleuchtete den Innenhof in jenem goldenen Licht, das Fotografen als „magische Stunde" bezeichnen und das im AAZ ungefähr so häufig auftrat wie Gehaltserhöhungen.
Das Alpaka lief nicht weiter. Drei Buchstaben. A, l, p. Das war alles, was es heute anbot.
Thomas lehnte sich zurück. Drei Buchstaben. Nicht genug für ein Passwort. Nicht genug für ein Wort. Gerade genug, um sicher zu sein, dass es kein Zufall war — denn Alpakas liefen nicht zufällig in Buchstabenform. Oder doch? Thomas wusste es nicht. Er wusste nicht einmal, ob Alpakas wussten, was Buchstaben waren. Er wusste nur, dass dieses spezielle Alpaka, in diesem speziellen Innenhof, an diesem speziellen Freitag, drei Buchstaben in den Staub geschrieben hatte und nun so tat, als wäre nichts geschehen.
Thomas stand auf. Er fuhr den Computer nicht herunter — der Computer lief seit fünfzehn Jahren, und Thomas sah keinen Grund, diese Tradition zu brechen. Der Screensaver sprang an: das digitale Einhorn galoppierte über seine digitale Wiese und hinterließ digitalen Glitzer.
Thomas ging die Treppe hinunter. 130 Stufen, ungezählt. Er betrat den Innenhof. Das Alpaka blickte ihn an. Die Babies blickten ihn an. Thomas blickte auf den Boden. Die Spuren im Staub waren noch sichtbar — drei Buchstaben, A, l, p, geschrieben in der ungelenken, aber unverwechselbaren Handschrift eines Alpakas.
„Morgen?", fragte Thomas.
Das Alpaka kaute.
Thomas ging zurück ins Gebäude. Er setzte sich an seinen Schreibtisch in Zimmer 312. Er öffnete seine To-Do-Liste und schrieb einen neuen Punkt:
49. Morgen wiederkommen. Das Alpaka hat erst drei Buchstaben geschrieben.
Er betrachtete den Punkt. Dann fügte er hinzu:
50. Prüfen, ob Punkt 49 den Rahmen des beruflich Vertretbaren überschreitet.
Er strich Punkt 50 durch. In einer Welt, in der Wände Fenster in andere Stockwerke hatten und 73 Ordner über nichts geschrieben wurden, war ein buchstabierendes Alpaka das Normalste, was ihm den ganzen Tag passiert war.
Aber morgen war Samstag. Und am Sonntag war das Amt geschlossen. Und am Montag — am Montag war der Tag vor dem Dienstag. Dem Dienstag, an dem er zu Schmied fahren würde. Dem Dienstag, an dem die Frist endete — jene Frist, die nie formell gesetzt worden war, die aber in allem mitschwang, in jedem Formular, in jedem Ordner, in jedem Buchstaben, den ein Alpaka in den Staub schrieb.
Thomas blickte auf den Kalender. Der rote Kreis um den Dienstag leuchtete wie ein kleines, rundes Warnsignal.
Er musste am Montag wiederkommen. Er musste die restlichen Buchstaben sehen. Er musste das Passwort herausfinden.
Und er musste es vor Dienstag tun.