Kapitel 70

Das Passwort

Der Montag — jener Montag, der den Dienstag ankündigte wie ein Herold den König, wie ein Vorwort den Roman, wie eine Abwesenheitsnotiz die Abwesenheit — begann mit Regen. Nicht mit dem dramatischen Regen, der in Filmen fällt, wenn der Held eine Entscheidung trifft, sondern mit dem bürokratischen Regen, der in deutschen Amtsbezirken fällt: gleichmäßig, grau, ohne Anfang und ohne absehbares Ende, als hätte jemand im Wetteramt ein Formular für „Niederschlag, mittlerer Intensität, auf unbestimmte Zeit" genehmigt.

Thomas Müller-Hinterberg stand um 6:47 Uhr vor dem Amt für Allgemeine Zuständigkeiten. Der Pförtner — Herr Geißler, ein Mann, dessen Gesicht den Ausdruck permanenter milder Überraschung trug, als hätte er vor dreißig Jahren etwas Erstaunliches gesehen und nie ganz aufgehört, darüber erstaunt zu sein — schaute von seiner Zeitung auf.

„Sie sind früh, Müller-Hinterberg."

„Ich habe einen Termin", sagte Thomas.

„Mit wem?"

„Mit einem Alpaka."

Herr Geißler nickte, als wäre das die normalste Antwort der Welt, und kehrte zu seiner Zeitung zurück. Im AAZ hatte man gelernt, keine Folgefragen zu stellen.

Thomas durchquerte das Foyer, passierte die Teeküche — die Kaffeemaschine E-2847 brummte bereits, obwohl niemand sie eingeschaltet hatte, was Thomas als Zeichen von Eigeninitiative oder von einer Zeitschaltuhr deutete — und trat in den Innenhof.

Der Regen fiel. Die Pflastersteine glänzten. Und das Alpaka stand da.

Es stand an derselben Stelle wie am Freitag, als hätte es sich nicht bewegt — was, bei einem Tier, das den gesamten Innenhof als Weide nutzte, durchaus möglich war. Es kaute. Es blickte Thomas an. Thomas blickte das Alpaka an. Es war einer jener Momente, in denen zwei Lebewesen sich ansehen und schweigend kommunizieren — oder zumindest glaubt eines der beiden Lebewesen, dass kommuniziert wird, während das andere wahrscheinlich über Heu nachdenkt.

„Guten Morgen", sagte Thomas.

Das Alpaka kaute.

Thomas setzte sich auf die Bank am Rand des Innenhofs. Die Bank war nass vom Regen, und Thomas’ Hose absorbierte die Feuchtigkeit mit der resignierten Effizienz von Stoff, der weiß, dass Protest zwecklos ist. Thomas legte seinen Notizblock auf den Oberschenkel und den Stift daneben und wartete.

Das Alpaka stand. Es kaute. Es blinzelte. Die drei Babies — Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn — lagen unter dem kleinen Vordach, das Pflüger irgendwann als Unterstand gebaut hatte, aus Restholz und einem Wellblech, das verdächtig nach dem ehemaligen Dach des Fahrradschuppens aussah. Sie lagen eng beieinander, wie ein kleines, wolliges Knäuel, und beobachteten ihr Elterntier mit der aufmerksamen Gelassenheit von Wesen, die wussten, dass irgendetwas Wichtiges passieren würde, aber nicht eilig genug waren, um sich dafür aufzurichten.

Um 7:03 Uhr begann das Alpaka zu laufen.

Es begann langsam, mit dem „A." Thomas erkannte es sofort — dieselbe Kurve, dieselbe Bewegung wie am Freitag. Dann das „l" — der schmale Strich mit dem kleinen Haken. Dann das „p" — der Bogen, nach unten, nach oben, ein Buchstabe, der im Matsch des Innenhofs überraschend leserlich war, wenn man die Tatsache berücksichtigte, dass er von einem Tier ohne Finger geschrieben wurde.

Dann, ohne Pause, weiter.

Ein „a."

Thomas schrieb mit. A-l-p-a. Vier Buchstaben. Am Freitag hatte das Alpaka nach drei Buchstaben aufgehört. Heute ging es weiter. Thomas hielt den Atem an — oder vielmehr, er vergaß zu atmen, was nicht dasselbe war, aber denselben Effekt hatte.

„k."

A-l-p-a-k. Thomas’ Stift kratzte über das feuchte Papier.

„a."

A-l-p-a-k-a. Alpaka. Das Alpaka hatte „Alpaka" geschrieben. Thomas’ Herz machte einen kleinen Satz, den sein Arzt als „unauffällig" und sein Kardiograph als „könnte ein Artefakt sein" bezeichnete hätte.

Aber das Alpaka blieb nicht stehen.

Es lief weiter. Ein neuer Buchstabe. Thomas blinzelte den Regen aus den Augen und kniff sie zusammen. Der Buchstabe war… ein „s"? Ja. Ein „s." Definitiv ein „s," mit jener sanften S-Kurve, die das Alpaka mit erstaunlicher Präzision in den Matsch zeichnete.

A-l-p-a-k-a-s.

Alpakas. Plural.

Thomas stutzte. Plural? Warum Plural? War das Passwort „Alpakas"? Es gab schließlich mehrere von ihnen. Eins plus drei Babies. Vier. Eine kleine Herde, wenn man großzügig war. Ein Rudel, wenn man die falsche Terminologie verwendete. Eine Gruppe, wenn man sich nicht festlegen wollte.

Das Alpaka stand still. Es blickte Thomas an. Dann — und Thomas hätte schwören können, dass das Tier ihm zunickte, obwohl Alpakas nicht nickten, jedenfalls nicht absichtlich — begann es wieder zu kauen.

Thomas sprang auf. „Alpakas" — das war das Passwort! Es musste das Passwort sein! Er rannte zum Gebäude — jenes Rennen, das inzwischen weniger wie ein Pudel auf Parkettboden und mehr wie ein Pudel auf nassem Parkettboden aussah — und stürmte die Treppe hinauf. 117 plus 13 Stufen. Er erreichte den sechsten Stock atemlos, den Computer in Zimmer 601 noch immer eingeschaltet, den Screensaver mit dem galoppierenden Einhorn noch immer galoppierend, die Datei „2847B_FINAL_v2_WIRKLICH_FINAL.doc" noch immer auf ihre Erlösung wartend.

Thomas tippte: Alpakas.

Falsches Passwort.

Thomas starrte auf den Bildschirm. Falsch. Alpakas war falsch. Das Alpaka hatte „Alpakas" geschrieben — und es war falsch. Thomas’ Vertrauen in die Kommunikationsfähigkeit von Kamelverwandten erlitt einen empfindlichen Rückschlag.

Er ging zum Fenster. Er blickte hinunter. Der Innenhof lag sechs Stockwerke tiefer, und der Regen machte alles unscharf, wie ein impressionistisches Gemälde, das jemand in eine Waschmaschine gesteckt hatte. Aber Thomas konnte die Spuren sehen — die Buchstaben im Matsch. A-l-p-a-k-a-s. Sieben Buchstaben.

Und dann sah er etwas anderes.

Die Babies.

Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn hatten ihren Unterstand verlassen. Sie standen im Regen, drei kleine, wollige Gestalten, und sie liefen. Nicht ziellos, nicht spielerisch. Sie liefen in Mustern. Aktenzeichen — das größte der drei — lief eine Zahl. Paragraph lief einen Buchstaben. Einhorn — das kleinste, mit dem dunklen Fleck am Ohr — lief ebenfalls.

Thomas kniff die Augen zusammen. Der Regen. Die Entfernung. Die Tatsache, dass er versuchte, die Handschrift von Alpaka-Babies aus sechs Stockwerken Höhe zu lesen. Alles arbeitete gegen ihn. Aber er sah — oder glaubte zu sehen — dass Aktenzeichen eine „7" lief. Klar, deutlich, unverwechselbar: eine „7," geschrieben von einem jungen Alpaka, das seinen Namen einem Verwaltungsbegriff verdankte und offenbar die kalligraphischen Fähigkeiten seiner Eltern geerbt hatte.

Und daneben, von Paragraph und Einhorn gemeinsam gelaufen, als wäre es eine Teamarbeit: ein „b."

Thomas’ Herz setzte aus. Nicht auf die medizinisch besorgniserregende Art, sondern auf die Art, in der ein Motor kurz stottert, bevor er mit neuer Kraft anspringt.

7b.

Alpakas7b.

Das Passwort war nicht „Alpakas." Es war „Alpakas7b." Die Alpakas — alle vier — hatten das Passwort buchstabiert. Das erwachsene Alpaka den Wortteil. Die Babies den Zahlenteil. Zusammen. Als Herde. Als Familie. Als die absurdeste Eingabemethode, die die Geschichte der Informationstechnologie je gesehen hatte.

Thomas drehte sich um. Er setzte sich vor den Computer. Seine Finger, feucht vom Regen und leicht zitternd von der Aufregung — oder vom Treppensteigen, was auf dasselbe hinauslief —, schwebten über der Tastatur.

Er tippte: Alpakas7b.

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Die Sanduhr auf dem Bildschirm drehte sich — jene pixelige Sanduhr, die in älteren Windows-Versionen erschien und die den Übergang zwischen Warten und Handlung markierte, zwischen Frage und Antwort, zwischen dem Vorher und dem Nachher.

Passwort akzeptiert.

Die Datei öffnete sich.

Thomas saß vor dem Bildschirm. Sein Herzschlag normalisierte sich — oder das, was bei einem Mann, der gerade ein von Alpakas buchstabiertes Passwort in einen fünfzehn Jahre alten Computer eingegeben hatte, als „normal" durchging. Die Datei war geöffnet. Der Cursor blinkte. Das Dokument lud.

Der Bildschirm füllte sich mit Text.

Thomas las die erste Zeile:

„An denjenigen, der dieses Dokument öffnet — und das Passwort von den Alpakas erhalten hat:"

Thomas schluckte. Schmied hatte gewusst. Schmied hatte gewusst, dass jemand kommen würde. Dass jemand die Ordner lesen würde, das Fenster finden würde, den Computer hochfahren würde, das Passwort raten würde. Und er hatte gewusst, woher das Passwort kommen würde. Von den Alpakas. Von Tieren, die er — wie Thomas jetzt verstand — nicht zufällig im Innenhof gelassen hatte.

Thomas scrollte nach unten. Das Dokument war lang — siebenundvierzig Seiten, und Thomas registrierte die Zahl mit einer Mischung aus Erschöpfung und Bewunderung. Siebenundvierzig. Wie die Punkte auf seiner To-Do-Liste. Wie die Buslinie zur Dienstagstraße. Wie die Zahl, die diesen gesamten Vorgang durchzog wie ein roter Faden durch einen grauen Teppich.

Er las die zweite Zeile:

„Willkommen. Es wird Zeit, dass wir uns treffen. Kommen Sie am Dienstag."

Thomas lehnte sich zurück. Der Stuhl — Schmieds Stuhl, fünfzehn Jahre alt, erstaunlich bequem — knarrte leise. Durch das Fenster fiel der Regen. Im Innenhof standen vier Alpakas und kauten. Am Bildschirm leuchtete ein Dokument, das fünfzehn Jahre auf ihn gewartet hatte.

Und morgen war Dienstag.

Thomas schloss die Datei, ohne weiterzulesen. Nicht, weil er nicht neugierig war — er war neugieriger als je zuvor in seinem Leben, neugieriger als am Tag, als die erste E-Mail eingetroffen war, neugieriger als beim Öffnen des Vierfach-Umschlags, neugieriger als beim Betreten von Zimmer 601b. Aber er schloss die Datei, weil Schmied geschrieben hatte: Kommen Sie am Dienstag. Und Thomas war, bei all seiner Gründlichkeit, bei all seinen To-Do-Listen und Unterlisten und Formular-Anträgen, ein Mann, der Anweisungen befolgte. Besonders wenn sie von einem Mann kamen, der 73 Bände über nichts geschrieben und das Passwort einem Alpaka anvertraut hatte.

Er fuhr den Monitor aus — nicht den Computer, niemals den Computer — und ging die Treppe hinunter. Im dritten Stock blieb er vor Zimmer 314 stehen. Die Tür war geschlossen. Dahinter war es still. Thomas klopfte nicht.

Er ging in Zimmer 312, setzte sich an seinen Schreibtisch und betrachtete die To-Do-Liste. 49 Punkte. Er strich Punkt 49 durch — Alpaka hat Buchstaben geschrieben — und schrieb darunter:

50. Morgen: Dienstag. Bus 47. Dienstagstraße 7b. Schmied.

Er unterstrich den Punkt dreimal.

Dann ging er nach Hause, legte sich ins Bett und träumte von Einhörnern, die Formulare ausfüllten, und Alpakas, die Passwörter kannten, und einer Tür, die sich öffnete — am Ende einer Sackgasse, am Rand einer Stadt, in einem Haus mit der Nummer 7b.