Die Antwort
Die Schritte entfernten sich.
Thomas hatte drei Minuten und vierzehn Sekunden reglos im Zimmer 601 gestanden — er wusste das so genau, weil die Wanduhr über Schmieds Schreibtisch tickte wie ein Metronom, das darauf trainiert worden war, menschliche Nervosität in messbare Zeiteinheiten zu übersetzen. Die Schritte waren gekommen, hatten vor der Tür innegehalten, als würde jemand überlegen, ob er klopfen sollte, und waren dann weitergegangen. In Richtung Treppenhaus.
Thomas atmete aus.
Er setzte sich wieder. Nicht auf den Bürostuhl — der hatte seinen Teil getan — sondern auf die Fensterbank, wo das Nachmittagslicht eine warme Stelle auf dem Linoleum zeichnete und die Einhorn-Poster in einem Licht erscheinen ließ, das man als gnädig bezeichnen konnte.
Er dachte nach.
Formular 7b. Die Antwort auf alles war Formular 7b. Die Frage war nur: Was bedeutete das?
Thomas war Sachbearbeiter. Sachbearbeiter denken nicht in großen Bögen. Sie denken in Schritten. Schritt eins: ein Problem identifizieren. Schritt zwei: das zuständige Formular lokalisieren. Schritt drei: das Formular ausfüllen. Schritt vier: das Formular einreichen. Schritt fünf: warten. Schritt sechs: die Rückmeldung lesen. Schritt sieben: bei fehlender Rückmeldung zurück zu Schritt fünf. Das war kein Algorithmus. Es war Berufung.
Und Formular 7b? Thomas hatte es in den vergangenen Wochen so oft ausgefüllt, dass er die vierunddreißig Felder im Schlaf aufsagen konnte. Feld 1: Aktenzeichen. Feld 2: Name des Antragstellers. Feld 3: Abteilung. Feld 4 bis 7: Kontaktdaten (vierfach, weil man nie wissen konnte, welche Kontaktdaten sich seit dem letzten Dienstag geändert hatten). Feld 8: Art des Vorgangs. Feld 9: Unterart des Vorgangs. Feld 10: Unter-Unterart des Vorgangs, falls zutreffend. Und so weiter, durch die Felder 11 bis 34, von denen jedes einzelne eine eigene kleine Geschichte erzählte — die Geschichte eines Formulars, das mit heiligem Ernst entworfen worden war von Menschen, die fest daran glaubten, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn nur genug Felder ausgefüllt würden.
Und jetzt, nach allem, was geschehen war — nach den Umschlägen und den Ordnern und der Bürolegende und dem Untersuchungsausschuss und den Alpakas —, sagte ihm die Datei auf Heinrich Schmieds Computer, dass er genau das tun sollte, was er die ganze Zeit getan hatte.
Formular 7b ausfüllen.
Thomas starrte an die Decke. An der Decke war ein Wasserfleck, der aussah wie ein Formular. Er fragte sich, ob das ein Zeichen war oder ob Wasserflecken im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten grundsätzlich wie Formulare aussahen, weil selbst das Wasser hier die institutionelle Kultur verinnerlicht hatte.
Was, dachte Thomas, wenn er es einfach täte?
Nicht so, wie er es bisher getan hatte — hastig, verwirrt, mit der vagen Hoffnung, dass das Formular irgendwie den Vorgang erklären würde. Sondern richtig. Sorgfältig. Mit der Präzision eines Mannes, der begriffen hat, dass das Formular nicht der Weg zum Ziel ist, sondern das Ziel selbst.
Was, wenn er Formular 7b ausfüllte — korrekt, vollständig, in dreifacher Ausfertigung — und es einreichte? Was würde passieren?
Würde der Vorgang 2847/B geschlossen? Würde die E-Mail aufhören, sich alle sieben Jahre selbst zu verschicken? Würde der Drucker im dritten Stock aufhören, Haikus zu drucken? Würde Frau Möbius aufhören, ihn zu verfolgen?
Vermutlich nicht, was die Katze betraf. Katzen verfolgen nach eigenem Ermessen.
Aber der Rest?
Thomas stand auf. Er ging zu Schmieds Schreibtisch. Er öffnete die mittlere Schublade — jene Schublade, die er bei seiner ersten Erkundung von Zimmer 601 gefunden hatte und die damals leer gewesen war, abgesehen von einem einzelnen Kugelschreiber und einer Büroklammer von ungewöhnlicher Größe.
Die Schublade war nicht mehr leer.
Auf dem Boden der Schublade, ordentlich platziert wie ein Geschenk, das auf seinen Empfänger gewartet hatte, lag ein einzelnes Blatt Papier. Es war ein leeres Formular 7b-revised-2. Die neueste Version, mit dem korrigierten Feld 22 und der aktualisierten Einhorn-Referenznummer-Systematik, die der Ausschuss vor drei Wochen beschlossen hatte, obwohl niemand genau wusste, was eine Einhorn-Referenznummer war oder warum sie eine Systematik brauchte.
Thomas hielt das Formular ins Licht. Es war makellos. Keine Knicke, keine Flecken, kein Stempel. Ein jungfräuliches Formular, unberührt von der Welt, bereit für seinen einzigen Zweck.
Thomas nahm den Kugelschreiber aus der Schublade. Er war schwarz, mit dem Aufdruck AAZ — Amt für Allgemeine Zuständigkeiten — Für den Dienstgebrauch. Er schrieb tadellos. Thomas hatte noch nie einen Kugelschreiber im Amt erlebt, der tadellos schrieb. Es war, als hätte dieser Kugelschreiber auf genau diesen Moment gewartet.
Thomas setzte sich an den Schreibtisch. Er legte das Formular vor sich hin. Er nahm den Kugelschreiber in die Hand.
Er begann zu schreiben.
Feld 1: Aktenzeichen. Thomas schrieb: 2847/B. Seine Hand zitterte nicht. Die Zahlen standen klar und deutlich auf dem Papier, als wären sie schon immer dort gewesen und hätten nur auf jemanden gewartet, der sie sichtbar machte.
Feld 2: Name des Antragstellers. Thomas überlegte. Wer war der Antragsteller? Er? Schmied? Der Vorgang selbst? Er schrieb: H. Schmied, i.V. T. Müller-Hinterberg. Es war nicht ganz korrekt, aber es war ehrlich, und Ehrlichkeit war bei Formularen eine derart seltene Eigenschaft, dass Thomas beschloss, sie als akzeptabel durchgehen zu lassen.
Feld 3 bis 7 füllte er mechanisch aus. Abteilung 6. Kontaktdaten: Zimmer 601, sechster Stock, kein Telefon (Schmied hatte sein Telefon offenbar 2012 abgemeldet und nie wieder angemeldet), E-Mail: die automatische Reminder-Adresse, die alle sieben Jahre den Betreff DRINGEND: Vorgang 2847/B verschickte.
Feld 8: Art des Vorgangs. Thomas schrieb: Abschluss eines Verwaltungsvorgangs ohne erkennbaren Verwaltungszweck.
Feld 9: Unterart. Thomas schrieb: Beendigung einer Endlosschleife.
Feld 10: Unter-Unterart, falls zutreffend. Thomas schrieb: Zutreffend. Pensionsantrag.
Er arbeitete sich durch die Felder 11 bis 13 — Datumsangaben, Fristen, Zuständigkeiten —, und dann kam er zu Feld 14b.
Feld 14b: Zweck des Vorgangs.
Thomas hielt inne.
Der Kugelschreiber schwebte über dem Papier. Das Licht im Zimmer schien einen Moment lang stiller zu werden, als hielte das Gebäude den Atem an. Selbst die Wanduhr schien langsamer zu ticken.
Was war der Zweck des Vorgangs 2847/B?
Thomas dachte an dreiundsiebzig Ordner. An Formulare, die Formulare erzeugten. An einen Mann, der seit fünfzehn Jahren in einem Büro im sechsten Stock saß und auf ein korrekt ausgefülltes Formular wartete. An eine Locher-Bestellung aus dem Jahr 1987, die alles ausgelöst hatte.
Was war der Zweck?
Thomas schaute aus dem Fenster. Im Innenhof kaute das Alpaka. Die drei Babies standen daneben, in einer Formation, die aussah wie der Buchstabe Z.
Z wie Zweck?
Nein. Vermutlich nicht. Alpakas stehen nicht absichtlich in Buchstabenformationen. Zumindest nicht öfter als zweimal pro Woche.
Thomas schaute zurück auf das Formular. Feld 14b wartete. Es wartete mit der Geduld eines Feldes, das seit 1987 auf eine Antwort wartete.
Thomas setzte den Kugelschreiber an.
Was war der Zweck?