Kapitel 73

Das Lachen

Thomas rief Frau Behrens-Goldbach an.

Es war 15:23 Uhr, und die Sonne stand in jenem Winkel, in dem sie durch die Fenster des sechsten Stocks fiel und das Einhorn auf dem größten Poster zum Leuchten brachte, als wäre es nicht nur ein Einhorn, sondern ein erleuchtetes Einhorn, ein Einhorn, das die Wahrheit gefunden hatte und nun in stiller Erhabenheit auf die Welt herabblickte.

Thomas saß auf dem Boden von Zimmer 601, weil der Bürostuhl zu bequem war, um darin tiefgreifende Erkenntnisse zu verarbeiten. Man brauchte Unbequemlichkeit für tiefgreifende Erkenntnisse. Das war eine Regel, die Thomas sich gerade ausgedacht hatte, die aber trotzdem stimmte.

Das Telefon klingelte dreimal, bevor Frau Behrens-Goldbach abnahm.

„Behrens-Goldbach."

„Ich habe die Datei geöffnet", sagte Thomas.

Stille.

Nicht die unangenehme Stille, die entsteht, wenn jemand nicht versteht, was man gesagt hat. Sondern die tiefe, bedeutungsschwangere Stille, die entsteht, wenn jemand genau versteht, was man gesagt hat, und einen Moment braucht, um die angemessene emotionale Reaktion zu wählen.

Dann begann Frau Behrens-Goldbach zu lachen.

Es war kein Kichern. Es war kein Prusten. Es war jenes vollkommene, hemmungslose, ganzkörperliche Lachen, das man normalerweise nur bei Kindern unter fünf Jahren und bei Erwachsenen über fünfzig erlebt, die beschlossen haben, dass gesellschaftliche Konventionen sie nicht mehr betreffen.

„Sie haben —", begann sie, aber das Lachen brach ihr den Satz entzwei wie eine Welle, die ein Sandschloss nimmt. „Sie haben wirklich —"

„Ja", sagte Thomas.

Mehr Lachen. Es klang, als würde Frau Behrens-Goldbach gleichzeitig lachen und ersticken, was medizinisch bedenklich war, aber emotional absolut angemessen.

„Formular 7b?", brachte sie hervor.

„Formular 7b", bestätigte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach lachte weitere dreiunddreißig Sekunden. Thomas zählte nicht. Aber die Wanduhr in Zimmer 601 zählte, weil Wanduhren keine andere Wahl haben.

Schließlich, als das Lachen in ein Japsen überging und das Japsen in ein Seufzen und das Seufzen in jene post-hysterische Stille, in der die Welt neu und seltsam erscheint wie nach einem Gewitter, sagte Frau Behrens-Goldbach: „Schriftgröße 72?"

„Zentriert und fett", sagte Thomas.

„Natürlich", sagte Frau Behrens-Goldbach, und ihre Stimme hatte den Ton einer Frau, die etwas sieht, das sie vor langer Zeit gesehen hat und von dem sie gehofft hatte, es nie wieder sehen zu müssen. „Natürlich zentriert und fett. Wie denn sonst."

Sie schnäuzte sich. Thomas hörte es durchs Telefon. Es war ein entschlossenes Schnäuzen, das Schnäuzen einer Frau, die sich zusammenreißt.

„Ich habe das Gleiche gesehen", sagte sie dann. „Vor sieben Jahren. Als ich die Datei öffnete — dieselbe Datei, dasselbe Passwort, derselbe Satz. Schriftgröße 72. Ich habe zwei Wochen gebraucht, um wieder normal zu funktionieren."

„Was haben Sie getan?", fragte Thomas.

„Was glauben Sie, was ich getan habe? Ich bin Verwaltungsangestellte. Ich habe das Formular ausgefüllt."

Thomas beugte sich vor. „Und?"

„Und eingereicht. In dreifacher Ausfertigung, wie es sich gehört. Ich habe es persönlich in die Poststelle gebracht. Frau Krämer hat es gestempelt. Dreimal. Mit dem großen Stempel, nicht dem kleinen. Alles korrekt."

„Und dann?"

„Nichts."

Thomas wartete.

„Drei Wochen lang nichts", fuhr Frau Behrens-Goldbach fort. „Dann kam das Formular zurück. In einem Umschlag. In einem zweiten Umschlag. Mit einem gelben Klebezettel."

Thomas kannte gelbe Klebezettel. Gelbe Klebezettel im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten waren die Vorboten mittlerer bis schwerer bürokratischer Katastrophen.

„Was stand auf dem Klebezettel?"

Bitte in dreifacher Ausfertigung."

Thomas schwieg.

„Es war bereits in dreifacher Ausfertigung", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Ich hatte drei Kopien eingereicht. Drei. Eins, zwei, drei. Aber der Vermerk sagte: dreifach. Als hätte niemand die drei Kopien gezählt. Oder als wäre dreifach etwas anderes als drei. Was es im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten möglicherweise ist. Ich habe nie herausgefunden, ob es einen semantischen Unterschied zwischen drei Kopien und dreifacher Ausfertigung gibt, und ehrlich gesagt, an dem Tag habe ich beschlossen, es nicht mehr herausfinden zu wollen."

„Sie haben aufgegeben."

„Ich habe priorisiert", korrigierte Frau Behrens-Goldbach. „Es gibt einen Unterschied. Aufgeben bedeutet, dass man keine Optionen mehr sieht. Priorisieren bedeutet, dass man die Option, verrückt zu werden, bewusst ausschließt."

Thomas dachte darüber nach. Frau Möbius strich durch das Zimmer und setzte sich auf den Drucker-Ausdruck der Datei, den Thomas vorhin gemacht hatte, weil Katzen sich grundsätzlich auf das wichtigste Dokument im Raum setzen.

„Ich gebe nicht auf", sagte Thomas.

Stille am anderen Ende.

„Thomas", sagte Frau Behrens-Goldbach, und es war das erste Mal, dass sie seinen Vornamen benutzte, was in der Verwaltung ungefähr so intim war wie eine Umarmung, „der Vorgang ist ein Kreislauf. Formular erzeugt Vorgang. Vorgang erzeugt Formular. Das ist wie ein Perpetuum mobile, nur langweiliger und mit mehr Papier."

„Ich weiß", sagte Thomas. „Aber ich habe etwas, das Sie vor sieben Jahren nicht hatten."

„Und was?"

Thomas lächelte. Es war ein Lächeln, das Frau Behrens-Goldbach durch das Telefon nicht sehen konnte, das aber die Wanduhr in Zimmer 601 sah und das Einhorn auf dem Poster und Frau Möbius, die ein Ohr drehte, weil Katzen Lächeln hören können, auch wenn die Wissenschaft das bestreitet.

„Ich habe einen Kopierer, der neunundvierzig Kopien von Seite zwei machen kann."

Stille.

„Der Kopierer im dritten Stock?", fragte Frau Behrens-Goldbach.

„Der Kopierer im dritten Stock."

„Der, der seit der Affäre mit dem Quartalsbericht nur noch Seite zwei druckt?"

„Genau der."

Frau Behrens-Goldbach dachte nach. Thomas konnte sie denken hören. Es war ein produktives, leises Denken, das Denken einer Frau, die sieben Jahre Abstand zu einem Problem hat und es plötzlich aus einem neuen Winkel sieht.

„Thomas", sagte sie schließlich, „neunundvierzig Kopien sind nicht dreifach."

„Nein", sagte Thomas. „Neunundvierzig Kopien sind neunundvierzigfach. Und wenn jemand im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten den Unterschied zwischen dreifach und neunundvierzig erklären muss, dann ist der Vorgang entweder abgeschlossen oder die Person, die den Unterschied erklären muss, geht vorher in den Ruhestand. In beiden Fällen: Problem gelöst."

Frau Behrens-Goldbach sagte nichts.

Dann lachte sie wieder.

Diesmal war es ein anderes Lachen. Wärmer. Leiser. Ein Lachen, das nicht aus Verzweiflung kam, sondern aus etwas, das man, wenn man großzügig war, als Hoffnung bezeichnen konnte.

„Sie sind verrückt", sagte sie.

„Ich bin Sachbearbeiter", sagte Thomas. „Das ist fast dasselbe."

Er legte auf. Die Wanduhr tickte. Frau Möbius gähnte. Das Einhorn auf dem Poster leuchtete im Nachmittagslicht.

Thomas nahm das Formular 7b-revised-2 vom Schreibtisch. Er nahm den Kugelschreiber. Er ging zur Tür.

Es war Zeit, Feld 14b auszufüllen.