Kapitel 74

Der letzte Dienstag

Thomas saß an seinem Schreibtisch in Zimmer 312. Nicht an Schmieds Schreibtisch im sechsten Stock. An seinem eigenen. Seinem vertrauten, zerkratzten, leicht nach links geneigten Schreibtisch, der nach Kaffee und Kugelschreibertinte roch und auf dem eine Kaffeetasse stand mit der Aufschrift Sachbearbeiter des Monats — März 2019, obwohl Thomas nie Sachbearbeiter des Monats gewesen war und die Tasse aus dem Fundstück-Regal im Keller stammte.

Vor ihm lag Formular 7b-revised-2.

Leer. Makellos. Wartend.

Thomas hatte sich dafür entschieden, das Formular hier auszufüllen. In seinem Büro. An seinem Schreibtisch. Mit seiner Kaffeetasse daneben und dem Blick aus seinem Fenster auf den Innenhof, wo das Alpaka stand und die drei Babies, die mittlerweile nicht mehr ganz so klein waren, aber immer noch so aussahen, als hätten sie keine Ahnung, warum sie in einem Behördeninnenhof lebten, und als wäre ihnen das auch herzlich egal.

Thomas nahm den Kugelschreiber.

Feld 1: Aktenzeichen. Thomas schrieb: 2847/B. Die Tinte war schwarz und gleichmäßig. Eine gute Tinte. Eine Tinte, die wusste, was sie tat.

Feld 2: Name des Antragstellers. Thomas schrieb: Heinrich Schmied. Nicht i.V. oder i.A. Einfach der Name. Denn es war, wenn man es genau betrachtete, Schmieds Formular. Es war immer Schmieds Formular gewesen.

Feld 3: Abteilung. Thomas schrieb: Abteilung 6, Sondervorgänge.

Feld 4: Telefon. Thomas schrieb: Keins. Es gab kein Telefon im sechsten Stock. Vielleicht hatte es nie eines gegeben. Vielleicht war das der Grund, warum niemand Schmied je angerufen hatte. Man hätte es persönlich versuchen können, aber dazu hätte man den Fahrstuhl nehmen müssen, und der Fahrstuhl fuhr nie in den sechsten Stock, außer wenn er wollte, und er wollte selten.

Feld 5: E-Mail. Thomas schrieb: [automatisch].

Feld 6: Dienstliche Anschrift. Thomas schrieb: Zimmer 601, 6. OG, AAZ, Zimmerweg 14.

Feld 7: Private Anschrift (optional). Thomas ließ es leer. Manche Felder verdienen es, leer zu bleiben.

Feld 8: Art des Vorgangs. Thomas schrieb: Abschluss.

Das Wort sah gut aus auf dem Papier. Rund. Endgültig. Ein Wort, das eine Tür schließt und den Schlüssel umdreht und dann den Schlüssel in eine Schublade legt und die Schublade abschließt mit einem anderen Schlüssel und diesen Schlüssel verschluckt, nicht weil es nötig wäre, sondern weil es der Dramatik dient.

Feld 9: Unterart. Thomas schrieb: Reguläre Beendigung eines irregulären Vorgangs.

Feld 10: Unter-Unterart. Thomas überlegte. Er schrieb: Pensionsantrag (ausstehend seit 2011).

Feld 11: Datum des Vorgangsbeginns. Thomas schrieb: 1987. Kein genaues Datum. Das genaue Datum lag verschüttet in den dreiundsiebzig Ordnern im Zimmer 601b, irgendwo zwischen Ordner 12 (Locher-Bestellung und Folgeerscheinungen) und Ordner 13 (Erste Anzeichen der Selbstperpetuierung), und Thomas hatte weder die Zeit noch die seelische Belastbarkeit, es herauszusuchen.

Feld 12: Datum des Vorgangsendes. Thomas schrieb: Dienstag.

Er hielt inne.

Dann schrieb er in Feld 13 (Fristablauf): Dienstag.

Und in Feld 14a (Eingangsdatum): Dienstag.

Thomas betrachtete die drei Felder. Drei Mal Dienstag. Es war logisch. Es war immer Dienstag gewesen. Die E-Mail war an einem Dienstag angekommen. Die Umschläge waren an einem Dienstag gefunden worden. Das Alpaka hatte an einem Dienstag die Babies bekommen. Der Bürostuhl hatte an einem Dienstag die Visitenkarte preisgegeben. Die Katzen hatten an einem Dienstag — nun, Katzen taten Dinge unabhängig vom Wochentag, aber es war trotzdem ein Dienstag gewesen.

Thomas blickte auf die verbleibenden Datumsfelder. Es gab noch acht davon, verstreut über das Formular wie kleine bürokratische Fallen, die darauf warteten, dass jemand ein falsches Datum eintrug und damit den gesamten Vorgang ungültig machte.

Thomas füllte jedes einzelne Datumsfeld mit demselben Wort: Dienstag.

Es war nicht korrekt im Sinne der Verwaltungsvorschrift. Die Verwaltungsvorschrift verlangte ein Datum im Format TT.MM.JJJJ. Aber Thomas hatte in den vergangenen Wochen gelernt, dass der Vorgang 2847/B sich nicht an Verwaltungsvorschriften hielt, und er sah keinen Grund, warum sein Formular das tun sollte, wenn es der Vorgang nicht tat.

Feld 14b: Zweck des Vorgangs.

Thomas setzte den Kugelschreiber an. Das Feld war groß genug für zwei Zeilen, was im Formulardesign des AAZ als geradezu luxuriös galt.

Er schrieb: Abschluss.

Ein Wort. Dasselbe Wort wie in Feld 8. Aber hier, in Feld 14b, klang es anders. Definitiver. Wie ein Punkt am Ende eines sehr langen Satzes. Wie das letzte Wort in einer Rede, nach dem die Stille kommt.

Thomas arbeitete sich durch die restlichen Felder. Feld 15: Beteiligte Personen. Er schrieb: Schmied, H. / Müller-Hinterberg, T. / Behrens-Goldbach, A. / Kettner, R. / Dr. Winterkorn, E. / Pflüger, D. (Hausmeister) / Frau Möbius (Katze) / Herr Brinkmann (Katze) / Alpaka (Name unbekannt, 4 Stk.)

Er überlegte kurz, ob die Alpakas verwaltungsrelevante Beteiligte waren. Dann erinnerte er sich an das Passwort Alpakas7b und entschied, dass sie es definitiv waren.

Feld 22: Einhorn-Referenznummer. Thomas hatte lange über dieses Feld nachgedacht. In früheren Versionen des Formulars hatte er wilde Zahlenkombinationen eingetragen. Diesmal schrieb er: 7b.

Es war keine Einhorn-Referenznummer. Es war die Nummer des Formulars selbst. Aber es fühlte sich richtig an, so als würde sich ein Kreis schließen, und Thomas war mittlerweile der Meinung, dass in der Verwaltung das Gefühl, dass sich ein Kreis schließt, wichtiger war als die korrekte Einhorn-Referenznummer. Zumal niemand wusste, was eine korrekte Einhorn-Referenznummer war.

Feld 29: Alpaka-Betreuungsstatus (falls zutreffend). Dieses Feld war erst in der revised-2-Version hinzugefügt worden, vermutlich aufgrund einer sehr spezifischen Erfahrung, die jemand in der Formularabteilung gemacht hatte und über die nie öffentlich gesprochen wurde. Thomas schrieb: Vier Alpakas, alle wohlauf. Betreuung durch Hausmeister Pflüger (kommissarisch).

Feld 30: Antragsteller (Unterschrift). Thomas ließ es frei. Das war Schmieds Feld.

Feld 31: Sachbearbeiter (Unterschrift). Thomas unterschrieb. Seine Unterschrift sah aus wie immer — ein hastiges T. Müller-H., bei dem das H in einen Schnörkel auslief, der an einem guten Tag wie ein Fragezeichen aussah und an einem schlechten Tag wie ein umgekippter Bürostuhl.

Heute war ein guter Tag. Der Schnörkel sah aus wie ein Fragezeichen. Aber zum ersten Mal störte Thomas das nicht. Manche Unterschriften sind Fragezeichen. Manche Vorgänge sind Fragen. Und manchmal besteht die Antwort darin, die Frage zu unterschreiben und einzureichen.

Feld 32: Datum der Unterschrift.

Thomas schrieb: Dienstag.

Er legte den Kugelschreiber hin.

Das Formular war ausgefüllt. Jedes Feld. Jede Zeile. Jeder Buchstabe stand an seinem Platz, nicht perfekt, nicht maschinell, sondern mit der leicht unebenen Handschrift eines Sachbearbeiters, der verstanden hatte, dass Perfektion nicht der Punkt war. Der Punkt war Vollständigkeit.

Thomas hielt das Formular hoch. Das Nachmittagslicht fiel durch das Fenster und beleuchtete es, und für einen Moment — einen kurzen, stillen Moment — sah das Formular 7b-revised-2 fast schön aus. Wie ein Gemälde. Wie ein Brief. Wie eine Postkarte aus einer Welt, in der alles seine Ordnung hat.

Thomas legte das Formular auf den Schreibtisch. Er trank einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war kalt. Aber heute schmeckte selbst kalter Kaffee wie ein Anfang.

Oder wie ein Ende.

Thomas stand auf. Er nahm das Formular. Er ging zur Tür.

Es war Zeit für den Drucker.