Kapitel 76

Schmied

Der ältere Herr war kleiner, als Thomas sich ihn vorgestellt hatte.

Das war das Erste, was Thomas dachte, und es war, zugegeben, kein besonders profunder Gedanke angesichts der Tatsache, dass er gerade dem Mann gegenüberstand, der seit Wochen das Zentrum seines beruflichen Universums bildete — der Mann, der die E-Mail geschrieben hatte, die Ordner angelegt hatte, das Alpaka mitgebracht hatte, die Bürolegende 6a begründet hatte, und der seit fünfzehn Jahren in einem Büro im sechsten Stock saß, ohne dass jemand es bemerkt hatte.

Aber Thomas war Sachbearbeiter, und Sachbearbeiter bemerken zunächst die praktischen Dinge: Größe, Kleidung, Haltung. Der Rest — die existenziellen Fragen, die großen Emotionen, die Warum-und-Wozu — kam später. Nach dem Kaffee.

Der Mann war vielleicht eins siebzig. Graue Haare, ordentlich geschnitten, mit einem Scheitel, der so gerade war, als wäre er mit einem Lineal gezogen worden. Er trug ein Cordsakko in einem Braun, das irgendwann in den Neunzigern modern gewesen sein musste und seitdem geduldig darauf wartete, es wieder zu werden. Darunter ein Hemd, hellblau, oberer Knopf offen. Und eine Krawatte.

Die Krawatte.

Thomas starrte die Krawatte an. Sie war dunkelblau mit kleinen weißen Einhörnern. Die Einhörner waren stilisiert, fast abstrakt, aber eindeutig Einhörner — mit Horn, Mähne und jenem leicht verträumten Blick, den Einhörner haben, wenn sie auf Krawatten gedruckt werden und wissen, dass sie niemals über eine Wiese galoppieren werden, aber damit ihren Frieden gemacht haben.

„Ich bin Schmied", sagte der Mann.

Er sagte es ohne Pathos. Ohne Dramatik. Ohne die Fanfare, die man erwarten würde, wenn eine lebende Legende sich vorstellt. Er sagte es so, wie man seinen Namen am Telefon sagt, wenn jemand aus der Personalabteilung anruft: sachlich, höflich, mit der milden Resignation eines Menschen, der weiß, dass sein Name einen Verwaltungsvorgang auslösen wird.

„Ich war im Sechsten", fügte er hinzu, als wäre das eine ausreichende Erklärung für alles.

Thomas öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Öffnete ihn erneut.

„Sie waren die ganze Zeit hier?", fragte er. „Im Gebäude?"

Schmied hob die Augenbrauen. Es war ein mildes Heben, das Heben eines Mannes, der diese Frage erwartet hatte und sie ein wenig amüsant fand.

„Natürlich", sagte er. „Wo sollte ich sonst sein? Ich warte auf mein Formular."

Thomas schaute auf das Zertifikat in seiner linken Hand. Dann auf die drei Formularkopien in seiner rechten. Dann wieder auf Schmied.

„Seit fünfzehn Jahren?", fragte Thomas.

„Seit fünfzehn Jahren, drei Monaten und" — Schmied warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die groß und altmodisch war und vermutlich in den Achtzigern als sportlich gegolten hatte — „ungefähr elf Tagen. Aber wer zählt schon mit."

„Sie haben fünfzehn Jahre lang in einem Büro im sechsten Stock gesessen und auf ein Formular gewartet?"

„Nicht nur gewartet", korrigierte Schmied. „Ich habe auch dokumentiert. Dreiundsiebzig Ordner. Alles lückenlos. Jede Formularversion, jede Änderung, jede Anomalie." Er stockte. „Und das Alpaka gefüttert. Das hat auch Zeit gekostet."

Thomas merkte, dass er immer noch im Flur stand, neben dem Drucker, der leise vor sich hin surrte, als würde er dem Gespräch zuhören und dabei den Klang genießen.

„Aber—", begann Thomas.

„Das Pensionsformular", sagte Schmied, als hätte er die Frage tausendmal beantwortet, was er wahrscheinlich hatte, wenn auch nur sich selbst. „Mein Pensionsantrag. Ich wollte 2011 in den Ruhestand gehen. Alles war vorbereitet. Abschiedsfeier gebucht, Geschenk bestellt — eine Einhornfigur, übrigens, sehr hübsch —, Nachfolger eingearbeitet. Aber der Pensionsantrag erforderte Formular 7b. Korrekt ausgefüllt. Eingereicht. Und genehmigt."

„Und?", fragte Thomas, obwohl er die Antwort kannte.

„Und Formular 7b konnte nicht genehmigt werden, weil es sich auf Vorgang 2847/B bezog, und Vorgang 2847/B konnte nicht abgeschlossen werden, weil der Abschluss Formular 7b erforderte, und Formular 7b konnte nicht genehmigt werden, weil—"

„—es sich auf Vorgang 2847/B bezog", vollendete Thomas.

Schmied nickte. „Der Kreislauf. Formular erzeugt Vorgang. Vorgang erzeugt Formular. Wie ein Perpetuum mobile, nur mit mehr Papier und weniger Energie."

Thomas lehnte sich an die Wand. Die Wand war kühl und fest und real, und er brauchte etwas Kühles, Festes und Reales in diesem Moment.

„Warum haben Sie nicht einfach—", er suchte nach den Worten, „—aufgehört? Den Antrag anders gestellt? Eine Ausnahme beantragt?"

Schmied lächelte. Es war ein Lächeln von entwaffnender Sanftheit, das Lächeln eines Mannes, der fünfzehn Jahre Zeit gehabt hatte, über genau diese Frage nachzudenken.

„Herr Müller-Hinterberg", sagte er, und Thomas wunderte sich nicht einmal darüber, dass Schmied seinen Namen kannte — natürlich kannte er ihn, er hatte die E-Mail geschickt, die automatische E-Mail, die alle sieben Jahre jeden Mitarbeiter erreichte, und Thomas war derjenige gewesen, der reagiert hatte. „Herr Müller-Hinterberg, ich bin Verwaltungsbeamter. Wir machen keine Ausnahmen. Wir füllen Formulare aus."

Thomas erkannte die Logik. Sie war absurd, aber sie war konsistent, und in der Verwaltung war Konsistenz wichtiger als Vernunft. Vernunft war subjektiv. Konsistenz war ein Formular.

„Dann können Sie jetzt also…?", fragte Thomas.

Schmied streckte die Hand aus. Nicht fordernd. Nicht ungeduldig. Mit der Gelassenheit eines Mannes, der fünfzehn Jahre gewartet hat und weiß, dass es auf die letzten zehn Sekunden nicht mehr ankommt.

Thomas gab ihm das Zertifikat und die drei Formularkopien.

Schmied betrachtete sie. Er hielt das Zertifikat ins Licht, las jeden Satz, prüfte den Stempel — automatisch generiert, aber ein Stempel war ein Stempel. Er blätterte durch die Kopien. Alle drei. Sorgfältig, Feld für Feld.

Als er zu Feld 14b kam — Zweck des Vorgangs: Abschluss —, hielt er inne. Er las das Wort zweimal. Dann nickte er.

„Gut", sagte er. „Abschluss. Das ist korrekt."

Er faltete die Papiere zusammen — nicht hastig, sondern mit der rituellen Sorgfalt eines Mannes, der Papiere faltet, die fünfzehn Jahre auf ihn gewartet haben. Er steckte sie in die Innentasche seines Cordsakkos. Sie passten perfekt, als wäre die Tasche für genau diese Papiere geschneidert worden.

„Dann kann ich ja endlich gehen", sagte Schmied.

Er sagte es leise. Fast beiläufig. Als wäre das Gehen eine Kleinigkeit, eine Nebensache, ein Nachtrag in einem Brief, dessen eigentlicher Inhalt bereits gesagt war.

Thomas bemerkte, dass Schmieds Augen feucht waren. Nur ein wenig. So wenig, dass man es hätte übersehen können, wenn man nicht genau hinschaute. Aber Thomas schaute genau hin, weil er in den vergangenen Wochen gelernt hatte, genau hinzuschauen — auf Umschläge und USB-Sticks und Bürostühle und Katzen und Alpakas und Einhorn-Poster und Drucker, die Haikus schrieben.

Manchmal bestand die ganze Wahrheit darin, genau hinzuschauen.

„Herr Schmied", sagte Thomas.

„Ja?"

„Willkommen zurück."

Schmied lächelte. Es war das zweite Lächeln, und es war breiter als das erste, und es war das Lächeln eines Mannes, der fünfzehn Jahre lang in einem Büro gesessen hatte und endlich jemanden gefunden hatte, der ihm sagte, was er hören musste.

Nicht Wo waren Sie?

Nicht Warum haben Sie nichts gesagt?

Sondern Willkommen zurück.

Der Drucker surrte. Leise. Zufrieden. Als hätte auch er auf diesen Moment gewartet.