Die Erklärung
Sie saßen in der Teeküche des dritten Stocks, weil die Teeküche des dritten Stocks der einzige Ort im gesamten Amt für Allgemeine Zuständigkeiten war, an dem man sitzen konnte, ohne dass das Sitzen einen Verwaltungsvorgang auslöste. In Besprechungsräumen musste man ein Protokoll führen. In Büros war man im Dienst. In der Kantine war Mittagspause, und Mittagspause war nur zwischen 12:00 und 12:45 Uhr, und es war 16:02 Uhr. Aber die Teeküche — die Teeküche gehörte niemandem und allen, wie ein Stadtpark oder eine philosophische Idee.
Thomas saß auf dem Stuhl neben dem Wasserkocher. Schmied saß auf dem Stuhl neben dem Kühlschrank, der seit März 2018 ein Joghurt enthielt, das niemand für sich beanspruchte und das vermutlich mittlerweile ein eigenes Ökosystem entwickelt hatte.
Zwischen ihnen standen zwei Tassen Kaffee. Der Kaffee kam aus der Maschine im Erdgeschoss — nicht aus der defekten Maschine in Thomas’ Stockwerk, die den Fehlercode E-2847 anzeigte, sondern aus der funktionierenden Maschine, die normalen Kaffee produzierte, der normal schmeckte und normal war.
Schmied trank seinen Kaffee schwarz. Natürlich tat er das. Ein Mann, der fünfzehn Jahre in einem Büro verbracht hatte, hatte keine Zeit für Milch und Zucker. Milch und Zucker waren Luxus, und Luxus war etwas für Menschen, die ihre Formulare rechtzeitig genehmigt bekamen.
„Die E-Mail", sagte Thomas.
Schmied nickte. „Automatischer Reminder. Ich habe ihn 2011 eingerichtet, als klar wurde, dass mein Pensionsantrag nicht bearbeitet werden würde. Alle sieben Jahre geht er raus. An alle Mitarbeiter. Betreff: DRINGEND: Vorgang 2847/B. Ich dachte, wenn ich genug Menschen darauf aufmerksam mache, wird irgendwann jemand das Formular ausfüllen."
„Und das hat niemand getan?"
Schmied stellte seine Tasse ab. „Sie waren der Dritte, der reagiert hat."
„Der Dritte?"
„Frau Behrens-Goldbach war die Zweite. Vor sieben Jahren. Sie hat die Ordner gefunden, die Datei geöffnet, das Formular ausgefüllt. Aber als es in dreifacher Ausfertigung zurückkam, hat sie aufgehört."
Thomas nickte. Das wusste er bereits.
„Und der Erste?", fragte er.
Schmied lächelte — jenes milde, selbstironische Lächeln, das Menschen zeigen, wenn sie über ihre eigene Vergangenheit sprechen, als wäre sie ein Film, den sie vor langer Zeit gesehen haben und dessen Handlung sie amüsant, aber nicht mehr persönlich finden.
„Ich selbst", sagte Schmied. „Im Jahr 2011. Ich war der Erste, der auf meine eigene E-Mail reagiert hat. Was rückblickend einen gewissen Mangel an Planung offenbart."
Thomas trank einen Schluck Kaffee. Er war heiß. Er war gut. Er war normal. Es war erstaunlich, wie gut normaler Kaffee schmeckte, wenn man wochenlang von einer Kaffeemaschine mit dem Fehlercode E-2847 abhängig gewesen war.
„Und das Alpaka?", fragte Thomas.
Schmieds Gesicht hellte sich auf. Es war die Art von Aufhellung, die Menschen zeigen, wenn man sie nach ihren Haustieren fragt — ein reflexhaftes, ehrliches Leuchten, das keine Verwaltungsakte und keine Formularlogik erzeugen kann.
„Meins", sagte Schmied. „Margarethe. Ich hatte sie seit 2008. Als ich ins Amt zog — also, als klar wurde, dass ich hier bleiben würde —, konnte ich sie nicht mit nach Hause nehmen. Also lebt sie im Innenhof."
„Seit fünfzehn Jahren?"
„Alpakas werden dreißig", sagte Schmied, als wäre das eine ausreichende Erklärung. „Die Babies sind von letztem Jahr. Herr Pflüger kümmert sich. Er hat einen guten Draht zu Tieren. Und zu Feuerlöschern, was eine ungewöhnliche Kombination ist, aber in dieser Behörde ist alles eine ungewöhnliche Kombination."
Thomas stellte seine nächste Frage. „Die Umschläge. Die dreifachen Umschläge."
Schmied machte eine wegwerfende Handbewegung. „Alte Gewohnheit. In der Verwaltung schickt man wichtige Dinge in Umschlägen. Sehr wichtige Dinge in doppelten Umschlägen. Und Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie wichtig sind, weil niemand sie je geöffnet hat, in dreifachen Umschlägen. Ich mag Umschläge. Sie geben den Dingen Gewicht."
„Und das leere Blatt? Das nur Dienstag darauf stand?"
„Erinnerungshilfe", sagte Schmied. „Mein Pensionsstichtag wäre ein Dienstag gewesen. Ich wollte mich daran erinnern."
Thomas bemerkte ein Muster. Die Erklärungen waren banal. Jede einzelne Erklärung war von einer Banalität, die fast wehttat. Es gab kein Geheimnis. Es gab keine Verschwörung. Es gab keine verborgene Wahrheit hinter den Umschlägen und den USB-Sticks und den Ordnern. Es gab nur einen Mann, der auf ein Formular wartete, und die kleinen, menschlichen Gewohnheiten, die er sich angeeignet hatte, um das Warten erträglich zu machen.
„Die Haikus", sagte Thomas.
Schmied runzelte die Stirn. „Die was?"
„Der Drucker. Der Drucker im dritten Stock. Er druckt Haikus. Wenn man ihn nicht benutzt. Er langweilt sich."
Schmied sah Thomas an mit dem Blick eines Mannes, der viele Dinge im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten erlebt hat, aber nicht alle.
„Das ist nicht von mir", sagte Schmied. „Der Drucker macht das von selbst."
„Von selbst?"
Schmied zuckte die Achseln. „Alte Firmware. Die Generation von Druckern aus den Neunzigern hatte eine Funktion, die bei Inaktivität Testseiten druckte. Die Testseiten sollten Testmuster sein — Streifen und Graustufen. Aber jemand hat 1997 die Testseiten-Datei überschrieben. Mit Haikus. Keine Ahnung, wer. Seitdem druckt er Haikus, wenn ihm langweilig ist."
Thomas dachte an die Haikus. An Der Toner ist leer / Wie die Seele des Beamten / Bitte Fach zwei prüfen. Irgendwo im Amt, in den Neunzigern, hatte jemand — vermutlich ein Praktikant, denn solche Dinge taten immer Praktikanten — Haikus in eine Drucker-Firmware geschrieben. Und der Drucker hatte sie seitdem treu wiedergegeben, Jahr für Jahr, Haiku für Haiku, weil niemand ihn gefragt hatte, ob er damit aufhören wollte.
Es war, dachte Thomas, die schönste Erklärung, die er je gehört hatte.
„Die Einhorn-Poster?", fragte Thomas.
„Ich mag Einhörner", sagte Schmied. Die Aussage war von einer Schlichtheit, die keinen Kommentar brauchte.
„Die Katzen?"
„Nicht meine. Die waren schon vor mir da. Frau Möbius lebt seit 2005 im Gebäude. Herr Brinkmann seit 2009. Sie kommen und gehen, wie es ihnen passt. Die Personalabteilung hat sie als standortgebundene Biomasse klassifiziert, was der freundlichste Begriff ist, den eine Personalabteilung jemals für eine Katze verwendet hat."
Thomas lachte. Es war ein leises, warmes Lachen, das nicht aus Überraschung kam, sondern aus Wiedererkennung.
„Und der Vorgang?", fragte Thomas. Es war die letzte Frage. Die eigentliche Frage. „Was war der Vorgang 2847/B wirklich?"
Schmied schaute in seinen Kaffee, als würde er dort nach der Antwort suchen. Der Kaffee war schwarz und undurchsichtig und gab nichts preis, wie es sich für Kaffee gehört.
„Nichts", sagte Schmied.
Thomas wartete.
„Er war nie etwas. Nur Formulare, die Formulare erzeugen. Es begann 1987 mit einer Locher-Bestellung — Vorgang 2847/A. Der Locher wurde bestellt, geliefert, und es stellte sich heraus, dass er nicht-normgerechte Löcher stanzte. Also musste ein Rückgabeformular ausgefüllt werden. Das Rückgabeformular verwies auf Formular 7b. Formular 7b erzeugte einen neuen Vorgang — 2847/B. Der Vorgang erforderte Formulare. Die Formulare erzeugten Unterformulare. Die Unterformulare erforderten Genehmigungen. Die Genehmigungen erforderten Formulare."
Schmied trank den letzten Schluck Kaffee.
„Es hörte nie auf", sagte er. „Weil niemand das letzte Formular ausgefüllt hat. Bis Sie."
Thomas schaute aus dem Fenster der Teeküche. Man konnte von hier den Innenhof sehen, ein kleines Stück, zwischen den Gebäuden hindurch. Das Alpaka — Margarethe — stand im Abendlicht.
„Was mache ich jetzt?", fragte Thomas.
Schmied stand auf. Er stellte seine Tasse in die Spüle — ein Akt von erstaunlicher Normalität für einen Mann, der gerade fünfzehn Jahre Verwaltungsirrfahrt beendet hatte.
„Nichts", sagte Schmied. „Das ist ja das Schöne."