Die Rückkehr
Zimmer 312.
Thomas stand in der Tür und betrachtete sein Büro, als sähe er es zum ersten Mal. Was in gewisser Hinsicht stimmte: Er sah es zum ersten Mal als ein Mann, der den Vorgang 2847/B abgeschlossen hatte. Vorher war er ein Mann gewesen, der den Vorgang 2847/B untersuchte. Und davor ein Mann, der vom Vorgang 2847/B noch nie gehört hatte. Es waren drei verschiedene Männer, und der dritte — der älteste, der unwissendste — kam ihm jetzt vor wie ein Fremder.
Das Büro war unverändert. Natürlich war es unverändert. Büros verändern sich nicht, während ihre Bewohner Abenteuer erleben. Sie warten. Das ist ihre Funktion. Sie warten geduldig, mit ihren Schreibtischen und Aktenschränken und Kaffeetassen, und wenn ihr Bewohner zurückkehrt, sind sie da, als wäre nichts gewesen.
Thomas’ Schreibtisch stand leicht nach links geneigt, wie immer. Die Kaffeetasse — Sachbearbeiter des Monats — März 2019 — stand an ihrem Platz, mit einem Rest kalten Kaffees, der einen Ring auf der Untertasse hinterlassen hatte. Der Aktenschrank war geschlossen. Der Bildschirm war dunkel. Das Fenster zeigte den Innenhof.
Und der Bürostuhl.
Thomas trat ein und setzte sich auf seinen Bürostuhl. Nicht Schmieds Bürostuhl im sechsten Stock, der historisch und legendär und in Bürolegende 6a verewigt war. Sondern seinen eigenen. Seinen gewöhnlichen, ergonomisch fragwürdigen, nicht-legendären Bürostuhl, den die Hausverwaltung vor zwei Wochen geliefert hatte, als Ersatz für den alten, der unter Thomas’ Gewicht und den Anforderungen der Ermittlung zusammengebrochen war.
Der neue Stuhl quietschte nicht.
Thomas drehte sich einmal um die eigene Achse, langsam, wie ein Astronaut in der Schwerelosigkeit, nur erdgebundener und mit mehr Aktenstaub. Der Stuhl drehte sich lautlos. Kein Quietschen. Kein Knarzen. Kein Stöhnen. Es war, als säße man auf einer Wolke, falls Wolken Rollen hätten und eine verstellbare Rückenlehne.
Thomas hielt an. Er saß still. Die Stille des Büros legte sich um ihn wie eine Decke — nicht erdrückend, sondern beruhigend. Die Stille eines Ortes, an den man gehört.
Er schaute auf seinen Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch lag nichts Ungewöhnliches. Kein dreifacher Umschlag. Kein USB-Stick. Keine Visitenkarte. Keine mysteriöse Botschaft. Nur die üblichen Dinge: ein Stiftebecher, ein Kalender (aufgeschlagen auf dem aktuellen Monat, obwohl Thomas den Kalender in den vergangenen Wochen nicht umgeblättert hatte, was entweder bedeutete, dass er das Zeitgefühl verloren hatte oder dass es tatsächlich immer noch derselbe Monat war — in der Verwaltung war beides möglich), ein Stapel unerledigter Vorgänge, die nichts mit 2847/B zu tun hatten und die geduldig auf seine Rückkehr gewartet hatten.
Thomas griff nach der Kaffeetasse. Der Kaffee war kalt. Natürlich. Aber er trank ihn trotzdem, und er schmeckte besser als sonst. Nicht objektiv besser — kalter Kaffee schmeckt nie objektiv besser —, sondern subjektiv, innerlich, auf eine Art, die mit Geschmacksknospen nichts zu tun hatte und mit dem Gefühl, an seinem Platz zu sein, alles.
Es klopfte an der Tür.
„Herein", sagte Thomas.
Frau Behrens-Goldbach stand im Türrahmen. Sie trug ihre Brille auf der Nasenspitze und hielt eine Tasse Tee in der Hand, und sie sah aus wie immer — kompetent, leicht amüsiert, mit der stillen Überlegenheit einer Frau, die die Dinge vor sieben Jahren durchgemacht hat und jetzt aus der sicheren Distanz der Erfahrung zusieht.
„Und?", fragte sie. „Wie fühlt es sich an?"
Thomas dachte nach. Er dachte an die Datei und den einen Satz in Schriftgröße 72. An Formular 7b-revised-2 und jedes einzelne Feld. An den Drucker und das Zertifikat. An Schmied und sein Cordsakko und seine Einhornkrawatte.
„Leer", sagte Thomas.
Frau Behrens-Goldbach nickte. Sie nickte auf jene Art, die sagt: Ich weiß genau, was du meinst, weil ich es selbst erlebt habe, und ich werde dich nicht mit Ratschlägen belästigen, weil Ratschläge bei dieser Art von Leere nicht helfen.
„Wochenlang war Vorgang 2847/B mein Leben", sagte Thomas. „Mein erster Gedanke am Morgen. Mein letzter Gedanke am Abend. Ich habe von Umschlägen geträumt. Von Ordnern. Von Einhorn-Referenznummern."
„Von Alpakas?", fragte Frau Behrens-Goldbach.
„Einmal", gab Thomas zu.
Frau Behrens-Goldbach trat ein und setzte sich auf die Schreibtischkante — nicht auf den Besucherstuhl, denn der Besucherstuhl war mit Akten belegt, wie Besucherstühle in Büros es grundsätzlich sind, weil niemand jemals einen Besucherstuhl als Sitzgelegenheit betrachtet, sondern immer nur als zusätzliche Ablagefläche.
„Das vergeht", sagte sie. „Die Leere. Sie füllt sich wieder. Mit den normalen Dingen. Vorgangsbearbeitung. Ablage. Fristen. Kaffee."
„Klingt langweilig", sagte Thomas.
„Ist es auch", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Und das ist gut so."
Sie tranken. Er seinen kalten Kaffee, sie ihren Tee. Die Wanduhr tickte. Die Sonne bewegte sich unmerklich weiter. Irgendwo im Gebäude surrte ein Drucker, vermutlich der im dritten Stock, vermutlich ein Haiku, weil Drucker nicht aufhören, Haikus zu drucken, nur weil ein Vorgang abgeschlossen ist.
„Wissen Sie", sagte Frau Behrens-Goldbach, „ich habe nach meiner — Erfahrung — mit 2847/B angefangen, die Dinge anders zu sehen. Die Formulare. Die Vorgänge. Das ganze System."
„Wie anders?"
Sie zuckte die Achseln. „Gelassener. Es ist alles nur Papier, Thomas. Papier und Tinte und Stempel und Fristen. Es sieht wichtig aus, weil es auf Papier steht. Aber am Ende ist es nur — Papier."
Thomas schaute auf seinen Schreibtisch. Auf den Stapel unerledigter Vorgänge. Papier. Tinte. Stempel. Fristen. Es war nur Papier. Aber es war sein Papier.
„Bis zur nächsten E-Mail", sagte Frau Behrens-Goldbach und lächelte.
Thomas lachte. Sie lachte auch. Es war ein gemeinsames Lachen, leise und warm, das Lachen zweier Menschen, die dasselbe erlebt haben und wissen, dass Worte es nicht erklären können, aber Lachen schon.
Der Bürostuhl knarzte leise. Nicht der neue — der alte, der nicht mehr da war. Thomas hätte schwören können, dass er ein Knarzen hörte, leise und fast nostalgisch, als würde sich ein alter Freund verabschieden.
Aber es war vermutlich die Heizung.
Thomas trank seinen Kaffee aus. Er stellte die Tasse ab. Er schaute aus dem Fenster.
Im Innenhof stand Schmied. Er trug immer noch das Cordsakko und die Einhornkrawatte, und er stand neben Margarethe, dem Alpaka, und streichelte ihr den Hals. Die drei Babies — die mittlerweile Halbwüchsige waren, aber Thomas wusste nicht, wie man halbwüchsige Alpakas nannte, und er war nicht sicher, ob jemand im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten es wusste, obwohl es vermutlich ein Formular dafür gab — standen daneben und beobachteten.
Schmied blickte hoch. Er sah Thomas am Fenster. Er hob die Hand. Nicht zum Gruß. Zum Abschied.
Dann drehte er sich um und ging zum Ausgang. Margarethe folgte ihm. Langsam, würdevoll, mit dem Gang eines Alpakas, das fünfzehn Jahre in einem Behördeninnenhof verbracht hat und nun die Welt sehen will — oder zumindest den Parkplatz.
Die drei Babies blieben.
Sie standen im Gras, schauten ihrer Mutter nach, und begannen dann wieder zu kauen. Weil Babies — auch Alpaka-Babies — sich nicht lange um Abschiede kümmern. Abschiede sind Erwachsenendinge. Gras ist Gras. Und Gras ist im Zweifel interessanter.
Thomas schaute den dreien zu. Er fühlte etwas in seiner Brust, das er als Rührung hätte bezeichnen können, wenn Sachbearbeiter Rührung empfinden würden. Was sie taten. Aber nur am Fenster, wenn niemand hinsah.