Kapitel 10

Die Kaffeemaschine

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, in denen alle losen Fäden zusammenlaufen, in denen sich die zerstreuten Puzzlestücke zu einem Bild fügen und in denen die Wahrheit hervortritt wie die Sonne hinter den Wolken, strahlend, unausweichlich und von einer Klarheit, die alles verändert.

Dies war nicht einer dieser Momente.

Dies war ein Mittwochmorgen, und Thomas Müller-Hinterberg brauchte Kaffee.

Er brauchte Kaffee nicht auf die beiläufige Art, wie Menschen Kaffee brauchen, die ihn als angenehme Gewohnheit betrachten, als morgendliches Ritual, als Gesellschaftsgetränk. Thomas brauchte Kaffee auf die existenzielle Art, wie ein Taucher Sauerstoff braucht oder ein Formular einen Stempel: als Grundvoraussetzung für das Funktionieren seines gesamten Daseins. Sein Gehirn, das seit zehn Tagen versuchte, den Vorgang 2847/B zu entschlüsseln, den Buchstaben »S« zu deuten, die sich ändernden E-Mail-Betreffs zu interpretieren und das Wort »Dienstag« auf einem ehemals leeren Blatt einzuordnen, war erschöpft. Es war nicht müde. Müde war es jeden Tag. Es war erschöpft, auf die Art, wie ein Motor erschöpft ist, der seit Tagen im Leerlauf dreht — nicht durch Arbeit, sondern durch das Fehlen von Ergebnissen.

Thomas stand auf und ging in den Aufenthaltsraum.

Der Aufenthaltsraum des dritten Stockwerks war ein Raum, der seinen Namen verdiente, insofern man sich dort aufhielt und es ein Raum war. Darüber hinaus verdiente er seinen Namen eher nicht. Er enthielt: einen Tisch, vier Stühle, von denen einer wackelte, eine Mikrowelle, deren Drehteller sich nur noch in eine Richtung bewegte, ein Plakat über die korrekte Mülltrennung und die Kaffeemaschine.

Die Kaffeemaschine war ein Gerät, das Thomas über die Jahre hinweg in allen Aggregatzuständen erlebt hatte: funktionierend, kaputt, halb funktionierend, halb kaputt, funktionierend in einer Weise, die schlimmer war als kaputt, und kaputt in einer Weise, die besser war als funktionierend. Heute befand sie sich in einem Zustand, den Thomas noch nicht kannte.

Auf dem Display der Maschine leuchtete ein Fehlercode.

Fehlercodes waren bei dieser Maschine nichts Ungewöhnliches. Sie zeigte regelmäßig E-01 an (Wassertank leer), E-03 (Bohnenbehälter leer) und E-12 (Abtropfschale voll), Meldungen, die Thomas im Schlaf hätte beheben können und die er in der Tat gelegentlich im Halbschlaf behob, an jenen Morgen, an denen er so früh im Büro war, dass sein Bewusstsein noch nicht vollständig mit seinem Körper synchronisiert war.

Der heutige Fehlercode lautete: E-2847.

Thomas stand vor der Maschine und las den Code. Er las ihn ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Er blinzelte, in der Hoffnung, dass der Code sich bei geöffneten Augen verändert haben würde, so wie sich der Betreff der E-Mail bei jedem Öffnen verändert hatte. Der Code veränderte sich nicht. E-2847 stand auf dem Display, in grünen Leuchtbuchstaben, ruhig, unaufdringlich und von einer Beiläufigkeit, die in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer Bedeutung stand.

  1. Die Zahl aus dem Aktenzeichen. Die Zahl des Vorgangs. Die Zahl auf dem leeren Ordner. Und jetzt, hier, auf dem Display einer Kaffeemaschine der Marke Saeco, in einem Aufenthaltsraum im dritten Stock eines Verwaltungsgebäudes, in dem ein Alpaka im Innenhof stand und niemand wusste, warum.

Thomas tat das Einzige, was ein rationaler Mensch in dieser Situation tun konnte: Er versuchte, den Fehlercode zu googeln.

Er ging zurück in sein Büro, öffnete den Browser und tippte »Saeco Fehlercode E-2847« in die Suchleiste. Das Intranet des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten hatte kein Google. Es hatte eine interne Suchmaschine, die den vielsagenden Namen »SuchDienst« trug und die bei der Eingabe von »Saeco Fehlercode E-2847« folgendes Ergebnis lieferte: »Ihre Suche ergab keine Treffer. Meinten Sie: ›Sachbearbeiter Fehlermeldung E-Mail‹?«

Thomas schloss den Browser. Er öffnete ihn wieder. Er versuchte es mit »Kaffeemaschine Fehlercode 2847«. Keine Treffer. »Saeco E-2847 Bedeutung«. Keine Treffer. »Was bedeutet E-2847 bei einer Kaffeemaschine«. Keine Treffer, aber der SuchDienst schlug vor: »Vielleicht suchen Sie nach: ›Was bedeutet die Zuständigkeitsverordnung für Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe E‹?«

Thomas gab die digitale Suche auf und kehrte in den Aufenthaltsraum zurück. Die Maschine zeigte immer noch E-2847 an. Thomas drückte auf die Taste »Espresso«. Nichts geschah. Er drückte auf »Cappuccino«. Nichts. »Heißes Wasser«. Nichts. Die Maschine war vollständig blockiert, gefangen in ihrem Fehlercode wie ein Insekt in Bernstein.

Thomas öffnete die Wartungsklappe. Er entfernte den Wassertank, füllte ihn auf, setzte ihn wieder ein. E-2847. Er entleerte die Abtropfschale. E-2847. Er öffnete den Bohnenbehälter — er war voll. Er schloss ihn. E-2847. Er schaltete die Maschine aus. Wartete zehn Sekunden. Schaltete sie wieder ein. Die Maschine durchlief ihren Startvorgang, gurgelte, dampfte, summte — und zeigte E-2847 an.

Thomas lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und betrachtete die Maschine. Es war, als hätte das Universum — oder zumindest jener Teil des Universums, der sich innerhalb der Mauern des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten befand — beschlossen, die Zahl 2847 in jeden verfügbaren Gegenstand einzuweben, wie ein Wasserzeichen, das durch alles hindurchschien: durch E-Mails, durch Ordner, durch Dateiformate und jetzt durch Kaffeemaschinen.

Thomas hatte keinen Kaffee. Er hatte seit zwanzig Minuten versucht, Kaffee zu bekommen, und er hatte stattdessen einen weiteren Hinweis erhalten, der zu nichts führte, oder zu allem, was auf dasselbe hinauslief. Er öffnete den Schrank über der Spüle und fand dort eine Schachtel Teebeutel, die seit unbestimmter Zeit dort stand und die auf der Verpackung das Wort »Harmonie« trug, was Thomas unter den gegebenen Umständen als leise Ironie empfand.

Er kochte Wasser in dem elektrischen Wasserkocher, der neben der Kaffeemaschine stand wie ein bescheidener Verwandter neben einem berühmten, aber schwierigen Familienmitglied. Der Wasserkocher funktionierte einwandfrei. Er kochte Wasser. Er kochte es zuverlässig, ohne Fehlermeldungen, ohne mysteriöse Zahlen, ohne versteckte Botschaften. Thomas empfand eine Dankbarkeit für den Wasserkocher, die an Zuneigung grenzte.

Er goss den Tee auf. Er setzte sich an den Tisch im Aufenthaltsraum, auf den Stuhl, der nicht wackelte, und trank. Der Tee schmeckte nach heißem Wasser mit einer Erinnerung an Geschmack, aber Thomas trank ihn trotzdem, weil das Trinken einer warmen Flüssigkeit eine Handlung war, die Normalität signalisierte, und Normalität war etwas, das Thomas in den letzten Tagen schmerzlich vermisst hatte.

Durch das Fenster des Aufenthaltsraums konnte Thomas den Innenhof sehen. Das Alpaka stand dort. Es stand immer dort. Es war eine Konstante in einer Welt, die sich weigerte, konstant zu sein. Das Alpaka kaute. Es kaute mit jener gleichmütig erhabenen Langsamkeit, die nahelegte, dass es alle Antworten kannte, sie aber für sich behielt, nicht aus Bosheit, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass die Fragen ohnehin falsch gestellt waren.

Thomas beobachtete das Alpaka. Das Alpaka beobachtete den Himmel. Der Himmel beobachtete niemanden, weil der Himmel keine Augen hatte, was ihn allerdings nicht daran hinderte, grau zu sein und sich keine Mühe zu geben.

Der Tee wurde kalt. Thomas stand auf. Er stellte die Tasse in die Spüle. Er wandte sich zur Tür.

In diesem Moment gab die Kaffeemaschine ein Geräusch von sich.

Es war kein gewöhnliches Maschinengeräusch. Es war kein Surren, kein Klicken, kein Gurgeln. Es war ein Geräusch, das Thomas nur als »Stimme« beschreiben konnte, obwohl es keine Stimme war, nicht im menschlichen Sinne. Es war ein Zischen, gefolgt von einem Brummen, gefolgt von einem Dampfstoß, und zusammengenommen, wenn man — wie Thomas es tat — seinen Kopf leicht schief legte und die Ohren spitzte und die Vorstellungskraft jenes kleinen, irrationalen Teils seines Gehirns aktivierte, den die Besoldungsgruppe A9 normalerweise nicht beanspruchte, dann klang es wie ein Wort.

Es klang wie »Schmied«.

Thomas stand in der Tür des Aufenthaltsraums und starrte die Kaffeemaschine an. Die Maschine stand auf der Arbeitsplatte und starrte zurück, mit ihrem Display, auf dem immer noch E-2847 leuchtete, und Thomas war sich nicht sicher, ob er den Verstand verlor oder ob er ihn gerade fand, ob die Welt verrückt geworden war oder ob sie es schon immer gewesen war und er es nur nicht bemerkt hatte, weil er zu beschäftigt damit gewesen war, Formulare auszufüllen und Vorgänge zu bearbeiten und Büroklammern zu zählen.

Die Kaffeemaschine schwieg. Sie schwieg so endgültig, wie nur Maschinen schweigen können — ohne Bedauern, ohne Erklärung, ohne die Absicht, jemals wieder etwas zu sagen.

Thomas ging zurück in sein Büro. Er setzte sich hin. Er öffnete sein Notizbuch und schrieb:

»Kaffeemaschine: Fehlercode E-2847. Geräusch: Klang wie ›Schmied‹. Rationaler Erklärungsversuch: Dampf durch verengtes Ventil erzeugt Zischgeräusch, das durch akustische Pareidolie als Sprache interpretiert wird. Irrationaler Erklärungsversuch: Die Kaffeemaschine hat ›Schmied‹ gesagt.«

Er legte den Stift ab. Er betrachtete die beiden Erklärungsversuche. Der rationale war beruhigend und langweilig. Der irrationale war beunruhigend und interessant. Thomas wusste, welchen er hätte bevorzugen sollen. Er wusste auch, welchen er tatsächlich bevorzugte. Er strich keinen der beiden durch.

Draußen, im Innenhof, senkte das Alpaka den Kopf und kaute weiter. Es hatte, soweit Thomas das beurteilen konnte, zu keinem Zeitpunkt aufgehört zu kauen. Es kaute am Morgen, es kaute am Mittag, es kaute am Abend. Es kaute, als sei das Kauen nicht eine Tätigkeit, sondern ein Seinszustand, eine philosophische Position, eine Antwort auf die Frage, was zu tun sei, wenn die Welt unverständlich wird: Man kaut. Man kaut weiter. Man hört nicht auf zu kauen, auch wenn man nicht weiß, was man kaut oder warum.

Thomas schloss das Notizbuch. Morgen, dachte er. Morgen würde er Abteilung 6 besuchen. Morgen würde er nach Herrn Schmied fragen. Morgen würde er Antworten bekommen. Oder zumindest neue Fragen, was in den letzten Tagen das Einzige gewesen war, das er zuverlässig hatte bekommen können.

Er schaltete den Computer aus. Er zog seinen Mantel an. Er verließ das Büro. Im Flur, beim Vorbeigehen, warf er einen Blick auf den Drucker. Der Drucker zeigte »Bereit« an. Er zeigte immer »Bereit« an. Thomas nickte dem Drucker zu, nicht weil er erwartete, dass der Drucker seinen Gruß erwiderte, sondern weil er nach zehn Tagen in diesem Gebäude das Gefühl hatte, dass die Maschinen ihm näher standen als die meisten Menschen, was kein Kommentar über die Maschinen war, sondern über die Situation, in der er sich befand.

Auf dem Weg zum Ausgang kam er am Aufenthaltsraum vorbei. Er warf einen letzten Blick auf die Kaffeemaschine. Das Display war dunkel. Der Fehlercode war verschwunden. Die Maschine war aus.

Thomas hatte sie nicht ausgeschaltet.

Er stand in der Tür und betrachtete die dunkle Maschine. Dann drehte er sich um und ging nach Hause, und auf dem gesamten Heimweg dachte er an das Wort, das die Maschine gesagt oder nicht gesagt hatte, und er fragte sich, ob es möglich war, dass in diesem Gebäude, in dem ein Alpaka im Innenhof lebte und niemand wusste warum, in dem Formulare existierten, die nicht existierten, und in dem E-Mails ohne Absender verschickt wurden — ob es möglich war, dass eine Kaffeemaschine der Marke Saeco den Namen eines Mannes flüsterte, den niemand je gesehen hatte.

Die Antwort war, natürlich: nein. Selbstverständlich nicht. Das war absurd.

Aber das Absurde hatte, wie Thomas in den letzten zehn Tagen gelernt hatte, die unangenehme Eigenschaft, sich nicht darum zu scheren, ob man es für absurd hielt oder nicht.