Kapitel 22

Dreifach

Es gibt Maschinen, die ihren Zweck erfüllen. Toaster toasten. Bohrmaschinen bohren. Selbst Radiergummis — die eigentlich keine Maschinen sind, aber das Prinzip ist dasselbe — radieren. Der Kopierer im dritten Stock des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten hingegen war ein Gerät, das sich der Erfüllung seines nominellen Zwecks mit einer Beharrlichkeit verweigerte, die an Prinzipientreue grenzte.

Es war ein Multifunktionsgerät der Marke OfficePro X7400, und es konnte alles. Es konnte scannen, in fünf verschiedenen Formaten und drei Auflösungsstufen. Es konnte faxen, an Nummern im In- und Ausland, obwohl niemand im AAZ mehr faxte und die meisten Empfängernummern vermutlich seit einem Jahrzehnt nicht mehr existierten. Es konnte Fotos drucken, in einer Qualität, die an Museumsdrucke heranreichte. Es konnte sogar per WLAN mit dem Netzwerk kommunizieren und automatische Firmware-Updates durchführen, die stets um 14:23 Uhr stattfanden und den Betrieb für exakt siebzehn Minuten unterbrachen.

Es konnte nur nicht kopieren.

Genauer gesagt: Es weigerte sich zu kopieren. Es war, als hätte das Gerät irgendwann in seiner maschinellen Existenz eine philosophische Krise durchlebt und beschlossen, dass das bloße Duplizieren von Papier unter seiner Würde lag. Scannen — ja, denn dabei entstand etwas Digitales, etwas Neues. Faxen — gewiss, denn dabei überbrückte man Distanzen. Aber Kopieren? Ein Blatt Papier nehmen und ein identisches Blatt Papier danebenlegen? Wozu? Wo blieb die Schöpfung? Wo der Fortschritt?

Thomas Müller-Hinterberg stand vor diesem Gerät und hielt ein einzelnes Exemplar von Formular 7b in der Hand.

Es war, streng genommen, kein echtes Formular 7b. Es war ein Formular 7a, auf dem jemand — vermutlich der legendäre Herr Schmied, dessen Handschrift Thomas inzwischen im Schlaf erkannt hätte — das „a" durchgestrichen und ein „b" darübergeschrieben hatte. Die Tippex-Schicht über der ursprünglichen Versionsnummer war so dick, dass man sie mit dem Fingernagel hätte abkratzen können wie Eis von einer Windschutzscheibe. Thomas hatte beschlossen, dies nicht als problematisch zu betrachten. In der Verwaltung war die Grenze zwischen provisorisch und endgültig ohnehin fließend.

Er legte das Formular auf die Glasfläche des Kopierers. Deckel zu. Start drücken.

Der OfficePro X7400 summte. Er summte lange und melodisch, wie ein Mönch bei der Morgenmeditation. Dann leuchtete sein Display auf: „Papierzufuhr prüfen."

Thomas prüfte die Papierzufuhr. Sie war voll. Zweihundertfünfzig Blatt, akkurat eingelegt, Kante an Kante. Er drückte erneut auf Start.

Das Gerät summte. „Papierstau in Schacht B."

Thomas öffnete Schacht B. Es gab keinen Papierstau. Schacht B war so leer und makellos wie das Gewissen eines Neugeborenen. Thomas schloss Schacht B und drückte auf Start.

„Papierstau in Schacht B."

Thomas öffnete Schacht B erneut, betrachtete die Leere, schloss Schacht B, öffnete zur Sicherheit auch Schacht A, fand nichts, schloss beide, und drückte auf Start.

Das Gerät summte länger diesmal, fast wohlwollend. Dann: „Tonerstand niedrig. Fortfahren?"

Thomas drückte „Ja."

„Papierstau in Schacht B."

Dies wiederholte sich vier weitere Male, wobei der Kopierer jedes Mal eine leicht abgewandelte Fehlermeldung anzeigte — „Papierstau", „Papierzufuhr prüfen", einmal kryptisch „Fehler 0x7F — Kontaktieren Sie Ihren Administrator", und ein einziges Mal, beim sechsten Versuch, die fast schon poetische Meldung: „Bitte warten."

Thomas wartete. Drei Minuten lang. Dann erschien: „Papierstau in Schacht B."

Beim siebten Versuch tat Thomas etwas, das er unter normalen Umständen nie tun würde: Er schlug leicht gegen die Seite des Geräts. Nicht fest. Nicht gewalttätig. Es war eher ein Klopfen, wie man an eine Tür klopft, hinter der man jemanden vermutet, der einen ignoriert.

Der Kopierer reagierte. Er tat etwas. Es kam ein Blatt heraus.

Thomas griff danach. Es war eine Kopie. Aber nicht von Seite 1 des Formulars. Es war Seite 2. Nur Seite 2. Die mittlere Seite, die mit den Feldern für „Zuständige Abteilung", „Aktenzeichen (falls vorhanden)" und „Bemerkungen (bitte nicht mehr als 200 Zeichen)".

Thomas legte das Formular erneut auf — diesmal ausdrücklich Seite 1 nach oben. Er drückte Start.

Seite 2.

Er drehte das Formular um. Start.

Seite 2.

Er legte Seite 3 auf. Start.

Seite 2.

Der OfficePro X7400 hatte, so schien es, eine Vorliebe für Seite 2 entwickelt. Vielleicht war es die ästhetisch ansprechendste Seite — die Kästchen waren gleichmäßiger, die Linien gerader, das Layout hatte eine gewisse Symmetrie, die Seite 1 (mit ihrem überladenen Kopf) und Seite 3 (mit dem kleingedruckten Datenschutzhinweis) fehlte. Vielleicht war es auch einfach der Teufel, der in Form eines Multifunktionsgeräts auf Erden wandelte.

Thomas versuchte es noch sechs Mal. Jedes Mal Seite 2. Am Ende hatte er neunundvierzig Kopien von Seite 2 des Formulars 7b. Sie lagen in einem ordentlichen Stapel neben dem Kopierer, wie ein Mahnmal menschlicher Vergeblichkeit.

Neunundvierzig Mal dasselbe Blatt. Dasselbe Kästchen für „Zuständige Abteilung". Dieselbe Zeile für „Bemerkungen." Neunundvierzig identische Zeugnisse der Niederlage.

Oder nicht ganz identisch.

Thomas bemerkte es erst, als er den Stapel zusammenschob, um ihn ins Altpapier zu befördern. Die oberste Kopie — oder war es die siebzehnte? Die dreiunddreißigste? Sie waren durcheinandergeraten — sah anders aus. Nicht im Layout, nicht im Text, nicht in der Anordnung der Kästchen. Aber im Licht.

Thomas hielt das Blatt gegen die Deckenleuchte. Und da war es.

Ein Wasserzeichen.

Es war blass, kaum sichtbar, wie ein Geist, der sich nicht entscheiden konnte, ob er erscheinen wollte oder nicht. Aber es war da. Eingebettet ins Papier, als wäre es schon immer dort gewesen und hätte nur auf den richtigen Moment gewartet, sich zu zeigen.

Es war ein Einhorn.

Ein kleines, zartes Einhorn, im Profil, mit erhobenem Vorderhuf und einem Horn, das wie eine sanft gedrehte Kerze in die Höhe ragte. Es stand auf einer Wiese — nein, auf einer Linie, die eine Wiese sein könnte oder auch nur eine Linie. Es war ein Wasserzeichen, kein Gemälde. Aber es war unverkennbar ein Einhorn.

Thomas hielt nacheinander alle neunundvierzig Kopien gegen das Licht. Nur auf einer war das Wasserzeichen. Er konnte nicht bestimmen, bei welchem Kopiervorgang es entstanden war. Er konnte nicht erklären, woher es kam. Der Kopierer hatte — er überprüfte es dreimal — keine Wasserzeichenfunktion. Das Papier in Schacht A war Standard-Kopierpapier, 80g/m², weiß, ohne jede Markierung. Und das Original, Schmieds handkorrigiertes Formular 7a-Schrägstrich-b, hatte bei Betrachtung gegen das Licht kein Wasserzeichen.

Das Einhorn existierte nur auf der Kopie. Es war, als hätte der Kopierer es hinzugefügt. Als hätte er zwischen all dem Papierstau und den Fehlermeldungen, zwischen Schacht B und Fehler 0x7F, einen Moment der Kreativität gehabt.

Thomas legte die Kopie mit dem Einhorn in eine separate Klarsichthülle. Die übrigen achtundvierzig Kopien legte er ins Altpapier. Dann ging er in sein Büro zurück, setzte sich auf seinen quietschenden Stuhl und betrachtete das Einhorn-Wasserzeichen so lange, bis seine Augen zu tränen begannen — was nicht lange dauerte, denn die Klimaanlage im dritten Stock erzeugte eine Luftfeuchtigkeit, die an die Sahara erinnerte.

Ein Einhorn. In einem Amt für Allgemeine Zuständigkeiten. Auf einer Kopie eines handkorrigierten Formulars, das ein verschwundener Sachbearbeiter vor unbekannt vielen Jahren erstellt hatte.

Thomas hatte keine Erklärung. Aber er hatte, zum ersten Mal seit Beginn dieser ganzen Angelegenheit, das Gefühl, dass jemand — oder etwas — versuchte, ihm etwas mitzuteilen. Nur eben auf die umständlichste, langsamste und bürokratisch verschlungenste Weise, die vorstellbar war.

Was, wenn man es recht bedachte, zum AAZ passte wie der Papierstau zu Schacht B.