Der Ausschuss
Es gibt im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten eine Hierarchie der Eskalation, die sich in etwa wie folgt darstellen lässt: Zunächst wird ein Problem ignoriert. Dann wird es weitergeleitet. Dann wird es in einem Vermerk festgehalten. Dann wird der Vermerk weitergeleitet. Dann wird ein Meeting anberaumt, um den Vermerk zu besprechen, und schließlich — wenn alle vorherigen Maßnahmen ihre segensreiche Wirkungslosigkeit entfaltet haben — wird ein Untersuchungsausschuss einberufen.
Der Untersuchungsausschuss ist die letzte Stufe bürokratischer Intervention, vergleichbar mit dem Einsatz einer Atombombe, nur langsamer, teurer und mit deutlich mehr Papieraufwand. In der gesamten Geschichte des AAZ waren bislang sieben Untersuchungsausschüsse einberufen worden. Drei davon hatten ein Ergebnis produziert. Keines der Ergebnisse war jemals umgesetzt worden, was jedoch niemanden störte, da die Umsetzung von Ergebnissen ihrerseits einen eigenen Ausschuss erfordert hätte.
Am Dienstagvormittag — es war natürlich ein Dienstag — betrat Herr Kettner Thomas’ Büro ohne anzuklopfen, was insofern bemerkenswert war, als Herr Kettner normalerweise dreimal klopfte, zwei Sekunden wartete und dann eintrat, unabhängig davon, ob jemand hereingerufen hatte. Heute jedoch fehlte das Klopfen. Thomas wertete dies als schlechtes Zeichen.
„Müller-Hinterberg", sagte Herr Kettner. Er sagte den Namen, wie man einen medizinischen Befund verliest.
„Herr Kettner."
„Vorgang 2847/B."
Thomas nickte. Es gab wenig, was er zu diesem Thema hätte sagen können, das Herr Kettner nicht bereits wusste, nicht wissen wollte oder nicht ohnehin ignorieren würde.
„Die Sache ist eskaliert", fuhr Kettner fort. Er setzte sich auf die Kante von Thomas’ Schreibtisch, eine Handlung, die Thomas als Grenzüberschreitung empfand, die er jedoch nicht zu artikulieren wagte. „Die Tatsache, dass aus Zimmer 601 eine leere E-Mail an sämtliche Mitarbeiter des Hauses versendet wurde, hat — sagen wir — Aufmerksamkeit erregt."
„Ich habe nicht —"
„Ich weiß. Sie haben nichts versendet. Der Computer hat etwas versendet. Der Computer, den niemand einschalten sollte, in einem Stockwerk, das nicht existiert, in einem Büro, das seit fünfzehn Jahren leer steht." Kettner machte eine Pause, die vermutlich dramatisch wirken sollte. „Ich habe einen Untersuchungsausschuss einberufen."
Thomas’ Magen vollführte eine Bewegung, die man bei einem Schiff als Schlingern bezeichnen würde. Ein Untersuchungsausschuss. Das war ernst. Das war, um in der Metapher der Eskalationshierarchie zu bleiben, der bürokratische Ernstfall. Es fehlte nur noch, dass jemand ein Aktenzeichen vergab. Thomas war sich sicher, dass jemand ein Aktenzeichen vergeben würde.
„Das Aktenzeichen lautet UA-2847/B-1", sagte Kettner.
Natürlich.
Kettner erläuterte die Zusammensetzung des Ausschusses. Thomas selbst, als — und hier verwendete Kettner einen Begriff, den Thomas noch nie gehört hatte — „primärer Sachverhaltsträger". Frau Behrens-Goldbach aus Zimmer 314, weil sie „in der Nähe des Vorgangs" sei, eine Formulierung, die geographisch zutraf, aber sachlich fragwürdig war. Kettner selbst, als Vorsitzender. Frau Dr. Winterkorn aus der Rechtsabteilung, deren Anwesenheit Thomas einen kalten Schauer über den Rücken jagte, den er sich nicht erklären konnte, da er die Frau nie getroffen hatte. Und Herr Pflüger.
„Der Hausmeister?", fragte Thomas.
Kettner runzelte die Stirn und konsultierte ein Blatt Papier. „Pflüger, H. Steht auf der Liste."
„Warum?"
Kettner betrachtete das Blatt erneut, drehte es um, hielt es gegen das Licht und legte es dann mit der Entschiedenheit eines Mannes beiseite, der beschlossen hatte, eine Frage durch Nichtbeantwortung zu beantworten. „Die Zusammensetzung wurde von der Personalabteilung bestätigt."
„Aber —"
„Bestätigt, Müller-Hinterberg."
Thomas gab auf. Es gab Schlachten, die man schlagen konnte, und Schlachten, die bereits verloren waren, bevor man von ihrer Existenz erfahren hatte.
Die erste Sitzung, erklärte Kettner, sei für Donnerstag angesetzt. Das war in zwei Tagen. Thomas solle bis dahin einen Bericht vorbereiten. Über was? Über den Vorgang. Welchen Vorgang? Den Vorgang 2847/B. Was genau über den Vorgang? Alles. Was war „alles"? Das solle Thomas herausfinden.
Kettner verließ das Büro. Die Tür fiel ins Schloss. Thomas’ Stuhl quietschte, als er sich zurücklehnte, und zum ersten Mal empfand Thomas das Quietschen als eine Art Solidaritätsbekundung.
Die Einberufung eines Untersuchungsausschusses erforderte, wie Thomas in den nächsten zwei Stunden herausfand, Formular 12a. Nicht zu verwechseln mit Formular 12b (Auflösung eines Untersuchungsausschusses), Formular 12c (Verlängerung eines Untersuchungsausschusses), oder Formular 12d (Benennung eines Stellvertreters für ein Mitglied eines Untersuchungsausschusses, das an der Teilnahme eines Untersuchungsausschusses verhindert ist). Formular 12a existierte in drei Versionen: der aktuellen, der vorherigen und einer, die seit 2014 als „vorläufig gültig" geführt wurde, was im Sprachgebrauch des AAZ bedeutete, dass niemand die Zeit gefunden hatte, sie für ungültig zu erklären.
Thomas fand Formular 12a im Intranet, unter einem Link, der sich hinter zwei weiteren Links verbarg wie eine Matrjoschka aus Bürokratie. Er druckte es aus. Es hatte elf Seiten. Auf Seite sieben gab es ein Feld, das nach dem „Anlass der Untersuchung" fragte. Thomas schrieb: „Ungeklärter Vorgang 2847/B." Auf Seite neun gab es ein Feld, das nach der „voraussichtlichen Dauer der Untersuchung" fragte. Thomas starrte das Feld an. Das Feld starrte zurück. Thomas schrieb: „Unbestimmt."
Er legte das Formular in seinen Ausgangskorb und wandte sich dem Bericht zu, den er bis Donnerstag fertigstellen sollte. Was wusste er? Er wusste, dass eine E-Mail ohne Absender eingegangen war. Er wusste, dass sie einen Anhang im Format .7b enthielt. Er wusste, dass dreifach verschachtelte Umschläge, ein leeres Blatt Papier, eine defekte Kaffeemaschine und eine Visitenkarte unter seinem Bürostuhl irgendwie mit einem Mann namens Schmied zusammenhingen, der seit fünfzehn Jahren im Ruhestand war. Er wusste, dass es einen sechsten Stock gab, der nicht existierte, und darin ein Büro mit einem Einhorn-Poster.
Thomas begann zu tippen. Nach einer Stunde hatte er drei Absätze geschrieben. Nach zwei Stunden hatte er den ersten Absatz gelöscht. Nach drei Stunden hatte er einen Absatz, der lautete: „Am Dienstag erhielt der Unterzeichner eine E-Mail betreffend Vorgang 2847/B."
Es war korrekt. Es war vollständig. Es war alles, was er mit Gewissheit sagen konnte.
Er speicherte das Dokument, nannte es „Bericht_UA-2847B_Entwurf_v1.docx" und klappte den Laptop zu.
Sein Posteingang machte ein Geräusch. Thomas öffnete den Laptop wieder. Eine neue E-Mail. Absender: Dr. Winterkorn, E. Rechtsabteilung.
Der Text war von jener knappen Präzision, die Thomas sofort als gefährlich erkannte. Menschen, die so schrieben, meinten jedes Wort. Menschen, die so schrieben, hatten Aktenordner, die alphabetisch sortiert waren und in denen man tatsächlich etwas fand.
„Sehr geehrter Herr Müller-Hinterberg, zur Sitzung am Donnerstag bitte ich Sie, Formular 7b mitzubringen. Dreifach. Mit freundlichen Grüßen, Dr. E. Winterkorn."
Thomas las die E-Mail. Dann las er sie noch einmal. Dann lehnte er sich zurück, und sein Stuhl quietschte in einem Ton, der unmissverständlich nach Unheil klang.
Formular 7b. Dreifach.
Es war immer Formular 7b.