Kapitel 33

Die Enthuellung

Thomas schlief in dieser Nacht schlecht, was insofern bemerkenswert war, als Thomas grundsätzlich gut schlief. Er gehörte zu jener Kategorie von Menschen, die ihren Schlaf mit derselben methodischen Zuverlässigkeit vollzogen wie alles andere in ihrem Leben: Zahnpflege um einundzwanzig Uhr dreißig, Lektüre bis zweiundzwanzig Uhr, Licht aus. Frau Möbius, die schwarze Katze, schlief auf dem Kopfkissen neben ihm, Herr Brinkmann, der getigerte Kater, am Fußende, und gemeinsam bildeten sie eine Schlafgemeinschaft von jener stillen Harmonie, die manche Ehepaare nach dreißig Jahren immer noch nicht erreicht hatten.

Aber in dieser Nacht lag Thomas wach und starrte an die Decke. Frau Möbius schnurrte. Herr Brinkmann zuckte im Traum mit den Pfoten, vermutlich auf der Jagd nach etwas, das es nicht gab, was ihn in gewisser Weise zu Thomas’ Seelenverwandtem machte.

Schmied lebt.

Thomas drehte sich auf die Seite. Frau Möbius protestierte mit einem leisen Maunzen und arrangierte sich neu. Thomas drehte sich auf die andere Seite. Herr Brinkmann brummte.

Schmied lebt.

Was bedeutete das? Schmied war seit fünfzehn Jahren im Ruhestand. Das war eine Tatsache. Eine in den Personalakten vermerkte, von der Verwaltung bestätigte, durch Abwesenheit belegte Tatsache. Menschen im Ruhestand lebten selbstverständlich — der Ruhestand war kein Zustand des Nichtlebens, obwohl manche Pensionäre, die Thomas kannte, einen durchaus überzeugenden Gegenbeweis führten. Aber Frau Dr. Winterkorn hatte es nicht so gemeint. Sie hatte es gesagt, als wäre es eine Information, die Thomas erschüttern sollte, und — das musste Thomas einräumen — sie hatte recht gehabt.

Am nächsten Morgen ging Thomas nicht in sein Büro. Er ging in Zimmer 314.

Frau Behrens-Goldbachs Büro war das genaue Gegenteil von Thomas’ Büro, was insofern erstaunlich war, als beide Büros von der Verwaltung mit identischem Mobiliar ausgestattet worden waren. Wo Thomas’ Büro eine Studie in beiger Funktionalität war — Schreibtisch, Stuhl, Aktenschrank, Fenster —, hatte Frau Behrens-Goldbach ihrem Raum eine Atmosphäre verliehen, die Thomas an das Wohnzimmer einer Tante erinnerte, die man nur an Weihnachten besucht und die immer Plätzchen hat. Auf dem Fensterbrett standen drei Sukkulenten, die trotz der nachweislich lebensfeindlichen Lichtverhältnisse des dritten Stocks gediehen. An der Wand hing ein Kalender mit Bildern schottischer Hochlandlandschaften. Auf dem Schreibtisch stand eine Tasse, die nicht die Standardtasse der Personalabteilung war, sondern eine mit der Aufschrift „Ich bin nicht kompliziert, ich bin komplex", was Thomas als erstaunlich präzise Selbstbeschreibung empfand.

Frau Behrens-Goldbach saß hinter ihrem Schreibtisch und tippte etwas. Sie tippte mit jener bedächtigen Langsamkeit, die darauf schließen ließ, dass sie entweder einen besonders wichtigen Text verfasste oder mit dem Zehnfingersystem auf Kriegsfuß stand.

„Frau Behrens-Goldbach", sagte Thomas von der Tür aus.

Sie blickte auf. Sie blickte nicht überrascht auf — Frau Behrens-Goldbach blickte nie überrascht auf; sie blickte stets in einer Weise auf, die suggerierte, dass sie den Besucher bereits seit geraumer Zeit erwartet hatte und dass sein Erscheinen lediglich die Bestätigung einer Hypothese darstellte.

„Thomas", sagte sie. Sie war die einzige Person im Amt, die ihn beim Vornamen nannte. Thomas hatte nie herausgefunden, ob dies ein Zeichen von Zuneigung, Respektlosigkeit oder schlicht der Weigerung war, sich einen Doppelnamen zu merken.

„Frau Dr. Winterkorn hat gestern etwas gesagt", begann Thomas.

„Schmied lebt", sagte Frau Behrens-Goldbach. Es war keine Frage.

Thomas blinzelte. „Woher wissen Sie —"

„Setzen Sie sich."

Thomas setzte sich. Der Besucherstuhl in Zimmer 314 quietschte nicht. Thomas empfand das als kleinen Verrat.

Frau Behrens-Goldbach faltete die Hände. Es war eine Geste, die Thomas kannte — sie tat es immer, wenn sie über etwas sprach, das mehr als eine Silbe wert war. Dann schwieg sie. Sie schwieg auf jene Art, die kein Schweigen war, sondern ein Anlauf, ein Atemholen vor dem Sprung, und Thomas wartete, weil er gelernt hatte, dass man Frau Behrens-Goldbach nicht unterbrach, auch nicht in der Stille.

„Vor sieben Jahren", sagte sie schließlich, „erhielt ich eine E-Mail."

Thomas’ Hände, die auf seinen Knien gelegen hatten, schlossen sich unmerklich.

„Betreff: DRINGEND — Vorgang 2847/B", fuhr Frau Behrens-Goldbach fort. „Inhalt: Siehe Anhang. Der Anhang ließ sich nicht öffnen. Format: .7b."

Thomas sagte nichts. Es gab nichts zu sagen. Die Worte fielen in den Raum wie Steine in einen Brunnen, und Thomas wartete auf den Aufprall, der nicht kam.

„Ich habe dasselbe getan wie Sie", sagte sie. „Ich habe gesucht. Ich habe Umschläge gefunden — drei, ineinandergesteckt, wie russische Puppen. Ich habe ein leeres Blatt Papier gefunden. Ich habe die Kaffeemaschine befragt, bildlich gesprochen, obwohl ich nicht ausschließen möchte, dass ich sie auch wörtlich befragt habe. Und am Ende habe ich Formular 7b ausgefüllt."

„Und dann?"

„Eingereicht."

„Und?"

„Nichts."

Das Wort hing in der Luft wie ein Vorhang, hinter dem sich entweder eine Tragödie oder eine leere Bühne verbarg.

„Nichts?", wiederholte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach schüttelte den Kopf. „Der Vorgang verschwand. Ich habe die Eingangsbestätigung nie erhalten. Der Vorgang tauchte nicht mehr in meinem Posteingang auf. Das Aktenzeichen existierte nicht mehr. Es war, als hätte jemand einen Radiergummi an die Realität gehalten und einen einzelnen Posten ausradiert." Sie machte eine Pause. „Bis vor drei Wochen."

Thomas verstand. „Bis ich die E-Mail bekam."

„Bis Sie die E-Mail bekamen."

Stille. Eine der Sukkulenten auf dem Fensterbrett warf einen kleinen, spitzen Schatten auf den Schreibtisch, der aussah wie ein ausgestreckter Finger.

„Kennen Sie Schmied?", fragte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach zögerte. Es war das erste Mal in den sieben Jahren, die Thomas sie kannte, dass er sie zögern sah. Frau Behrens-Goldbach zögerte nicht. Sie formulierte bedächtig, sie antwortete spät, sie schwieg gelegentlich mit beeindruckender Ausdauer, aber sie zögerte nicht. Zögern bedeutete Unsicherheit, und Unsicherheit war ein Zustand, den Frau Behrens-Goldbach ihrem emotionalen Haushalt offenbar nicht gestattete.

„Ich habe ihn einmal gesehen", sagte sie.

„Wann?"

„Vor etwa acht Jahren. Kurz bevor er — offiziell — in den Ruhestand ging. Er kam ins Amt, um irgendetwas abzuholen. Ich weiß nicht, was. Ich stand im Flur, er kam aus dem Fahrstuhl."

„Und?"

„Er trug eine Krawatte mit Einhörnern."

Thomas’ Gehirn vollführte eine Reihe von Verknüpfungen, die man bei einem Computer als Indexierung bezeichnen würde. Einhörner. Einhorn-Poster in Zimmer 601. Einhornkrawatte. Schmied.

„Irgendetwas Auffälliges?"

Frau Behrens-Goldbach betrachtete ihre gefalteten Hände. Dann blickte sie auf, und in ihren Augen lag etwas, das Thomas nicht zuordnen konnte — nicht Angst, nicht Sorge, eher etwas, das man als „das spezifische Unbehagen einer Person, die mehr weiß, als sie sagen möchte, aber weniger, als sie sagen müsste" beschreiben konnte.

„Er hatte ein Alpaka dabei", sagte Frau Behrens-Goldbach.

Thomas öffnete den Mund.

„Ein Alpaka", wiederholte er.

„Ja."

„Im Fahrstuhl."

„Ja."

„Das Alpaka aus dem Innenhof?"

Frau Behrens-Goldbach hob die Schultern. „Ich weiß nicht, ob es dasselbe war. Alpakas sehen für mich alle gleich aus. Aber ja — es war ein Alpaka, es stand im Fahrstuhl, es kaute, und Herr Schmied stand daneben und trug eine Krawatte mit Einhörnern, als wäre das die normalste Sache der Welt."

Thomas lehnte sich zurück. Der Stuhl quietschte nicht, und er vermisste es.

„Warum haben Sie mir das nicht früher erzählt?", fragte er.

„Sie haben nicht gefragt."

Es war eine Antwort, die in ihrer schlichten Logik unangreifbar war und Thomas dennoch den Wunsch einflößte, etwas Schweres gegen eine Wand zu werfen — ein Gefühl, das er sofort unterdrückte, weil das Werfen schwerer Gegenstände gegen Wände sowohl gegen die Hausordnung als auch gegen seine Natur verstieß.

Frau Behrens-Goldbach wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu, als hätte sie soeben über das Wetter gesprochen und nicht über einen pensionierten Sachbearbeiter, der mit einem Alpaka im Fahrstuhl stand.

Thomas verließ Zimmer 314. Er ging den Flur entlang. Seine Schritte hallten auf dem Linoleum. Im Innenhof, drei Stockwerke unter ihm, stand das Alpaka und kaute.

Es sah nach oben, als wüsste es etwas.