Kapitel 41

Der USB-Stick

Es gibt Momente im Leben eines Sachbearbeiters, in denen sich die Frage stellt, ob man das Richtige tut. In der Regel beantwortet man diese Frage mit Nein, tut es dann aber trotzdem, weil die Alternative — nämlich das Richtige zu tun — ein Formular erfordern würde, das man nicht hat.

Thomas Müller-Hinterberg saß in Zimmer 312 und betrachtete den roten USB-Stick, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag wie ein Miniaturmonolith aus einem Bürobedarfskatalog. FINAL stand darauf. Nicht BACKUP, wie er erwartet hatte. FINAL. Ein Wort, das in seiner beruflichen Erfahrung ausschließlich für Dokumente verwendet wurde, die alles andere als final waren. „Bericht_FINAL.docx" wurde zuverlässig gefolgt von „Bericht_FINAL_v2.docx", „Bericht_FINAL_WIRKLICH_FINAL.docx" und schließlich „Bericht_FINAL_KETTNER_HAT_NOCHMAL_ÄNDERUNGEN.docx".

Er steckte den Stick in den USB-Anschluss seines Computers. Der Computer dachte nach. Thomas wartete. Das Warten hatte eine Qualität, die Thomas inzwischen als „amtlich" kategorisierte — jene spezifische Mischung aus Langeweile und Anspannung, die entsteht, wenn man darauf wartet, dass eine Maschine etwas tut, von dem man nicht weiß, ob es gut oder schlecht sein wird.

Ein Fenster öffnete sich. „Passwortgeschützt. Bitte geben Sie das Passwort ein."

Thomas starrte den Bildschirm an. Der Bildschirm starrte zurück. Ein Cursor blinkte in einem Eingabefeld wie das stoische Ticken einer Uhr, die darauf wartet, dass jemand eine Entscheidung trifft.

Er tippte: 2847B.

„Falsches Passwort. Sie haben noch 6 Versuche."

Thomas tippte: Schmied.

„Falsches Passwort. Sie haben noch 5 Versuche."

Formular7b.

„Falsches Passwort. Sie haben noch 4 Versuche."

Thomas hielt inne. Vier Versuche. Das war die Grenze, ab der Optimismus in Risikomanagement überging. Er überlegte. Was würde Schmied als Passwort wählen? Ein Mann, der ein Einhorn-Poster in seinem Büro hatte und seit fünfzehn Jahren als „dauerhaft abwesend" geführt wurde?

Alpaka.

„Falsches Passwort. Sie haben noch 3 Versuche."

Dienstag.

„Falsches Passwort. Sie haben noch 2 Versuche."

Zwei Versuche. Thomas spürte, wie sich seine Handflächen anfeuchteten. Zwei Versuche waren nicht genug, um zu raten, aber zu viel, um aufzugeben. Es war das bürokratische Äquivalent eines Cliffhangers — man hing über dem Abgrund, aber der Abgrund war nur dreißig Zentimeter tief und am Boden lag ein Formular, das man ausfüllen musste, bevor man abstürzen durfte.

Thomas zog den USB-Stick aus dem Computer. Behutsam, als könnte er zerbrechen. Er legte ihn in die zweite Schublade seines Schreibtischs, jene Schublade, die Thomas als sein persönliches Bermudadreieck betrachtete — Dinge, die dort hineingingen, wurden nie wieder gesehen, es sei denn, man suchte nach etwas anderem. Er schob die Schublade zu. Der Stick lag jetzt zwischen drei Büroklammern, einem ausgetrockneten Textmarker und dem Garantieschein für einen Tacker, den Thomas nie besessen hatte.

Er lehnte sich zurück. Sein Stuhl quietschte. Es klang diesmal nicht solidarisch, sondern vorwurfsvoll, als wolle der Stuhl sagen: Fünf Passwörter, und keines davon war richtig? Ernsthaft?

Thomas beschloss, einen Spaziergang zu machen. Nicht nach draußen — Gott bewahre, es war mitten am Vormittag, und ein Sachbearbeiter, der vor elf Uhr das Gebäude verließ, war so verdächtig wie ein Pinguin in der Sahara. Nein, er beschloss, ins Untergeschoss 3 zu gehen. Das alte Archiv. Er hatte dort den roten USB-Stick gefunden, vielleicht gab es weitere Hinweise.

Das Treppenhaus roch wie immer nach Reinigungsmittel und leiser Verzweiflung. Im dritten Untergeschoss war die Luft kühler, dichter, als hätte sie sich im Laufe der Jahrzehnte verdichtet wie geologische Schichten. Thomas ging an den Regalen vorbei — Aktenordner, die seit den Siebzigerjahren niemand berührt hatte, Kartons mit der Aufschrift „NICHT ÖFFNEN — STEUERPRÜFUNG 1994", ein einzelner Schuh.

Er erreichte den kleinen Serverraum, in dem er den roten USB-Stick gefunden hatte. Der Raum war unverändert — derselbe summende Server, derselbe Staub, dasselbe Gefühl, dass die Zeit hier nicht vergangen war, sondern sich lediglich hingelegt hatte und eingeschlafen war.

Aber etwas war anders. Thomas drehte sich um und sah es.

An der Wand gegenüber dem Eingang, halb verdeckt von einem Metallregal, das jemand irgendwann zur Seite geschoben hatte — oder das sich von selbst zur Seite geschoben hatte, was Thomas inzwischen nicht mehr ausschloss —, hing ein Bild. Ein Ölgemälde. Oder zumindest etwas, das wie ein Ölgemälde aussah, wenn man die Tatsache ignorierte, dass es auf einer Leinwand hing, die eindeutig aus einem Baumarkt stammte.

Es zeigte ein Alpaka.

Das Alpaka stand auf einer grünen Wiese vor einem Hintergrund, der an die Schweizer Alpen erinnerte, obwohl irgendetwas an den Proportionen nicht stimmte. Es blickte den Betrachter direkt an, mit jenem Ausdruck stoischer Gleichgültigkeit, der Alpakas zu eigen ist und der in manchen philosophischen Traditionen als höchste Form der Erleuchtung gilt. Das Fell war in cremefarbenen Tönen gehalten, die an den Schaumrand eines Cappuccinos erinnerten.

Thomas kannte dieses Alpaka. Nicht dieses spezifische Gemälde, aber dieses Alpaka. Es war das Alpaka aus dem Innenhof. Oder zumindest ein Alpaka, das dem Alpaka aus dem Innenhof so ähnlich sah, wie ein Ölgemälde einem lebenden Tier ähnlich sehen konnte.

Unter dem Gemälde, in goldenen Lettern auf einem kleinen Messingschild, das mit zwei winzigen Schrauben an der Wand befestigt war, stand:

Abteilung 6 — Wir arbeiten daran.

Thomas las das Schild dreimal. „Wir arbeiten daran" war einer jener Sätze, die im AAZ alles und nichts bedeuten konnten. „Wir arbeiten daran" konnte heißen: „Wir haben begonnen und werden in Kürze fertig sein." Es konnte heißen: „Wir haben eine vage Absicht, irgendwann damit zu beginnen." Es konnte heißen: „Wir haben das Problem zur Kenntnis genommen und beschlossen, es zu ignorieren, bis es sich von selbst erledigt oder die zuständige Person in Rente geht." Im Kontext einer Abteilung, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr existierte, erlangte der Satz eine geradezu metaphysische Qualität.

Thomas machte ein Foto mit seinem Handy. Das Blitzlicht reflektierte in den Augen des gemalten Alpakas, und für einen kurzen, irrationalen Moment hatte Thomas das Gefühl, dass das Alpaka ihn nicht nur ansah, sondern erkannte.

Er ging zurück in sein Büro. Sein Computer zeigte eine neue Benachrichtigung. Thomas öffnete seinen Posteingang. Oben, in roter Schrift, als hätte jemand das Konzept der Dringlichkeit typographisch zu überbieten versucht:

Absender: IT-Sicherheitsabteilung (automatisch)
Betreff: ⚠ SICHERHEITSWARNUNG: Nicht autorisierter USB-Zugriff erkannt — Zimmer 312
Inhalt: Am heutigen Tage wurde in Zimmer 312 ein nicht autorisierter USB-Zugriff festgestellt. Das betroffene Gerät wurde nicht in der Liste der genehmigten Peripheriegeräte (Formular 19c, Anhang B) gefunden. Bitte melden Sie sich innerhalb von 48 Stunden bei der IT-Sicherheitsabteilung, Zimmer 204, oder füllen Sie Formular 19c-Nachträglich aus. Bei Nichtbeachtung wird der Vorgang automatisch an die Dienststelle für innere Compliance weitergeleitet.

Thomas starrte die E-Mail an. Die E-Mail starrte zurück. Sie verstand sein Problem nicht, denn sie war eine E-Mail und hatte folglich keine Probleme, nur Zustellquoten.

Er öffnete die Schublade, betrachtete den roten USB-Stick, schloss die Schublade wieder und überlegte, ob das Formular 19c-Nachträglich wohl ebenfalls ein Passwort erforderte.

Draußen, im Innenhof, kaute das Alpaka an einem Grasbüschel und wirkte dabei, als arbeite es tatsächlich an etwas.