Kapitel 46

Die Kollegin

Frau Behrens-Goldbach war, und dies ist wesentlich für das Verständnis der folgenden Ereignisse, keine Frau, die überrascht wurde. Sie war eine Frau, die vorbereitet war. Vorbereitet auf Meetings, die abgesagt wurden. Vorbereitet auf Formulare, die geändert wurden. Vorbereitet auf Kolleginnen und Kollegen, die Dinge sagten, die sie nicht meinten, und Dinge meinten, die sie nicht sagten. Frau Behrens-Goldbach war vorbereitet wie ein Bunker — massiv, unerschütterlich und mit ausreichend Kaffee bestückt, um eine mittlere Belagerung zu überstehen.

Als Thomas Müller-Hinterberg an diesem Freitagmorgen in Zimmer 314 klopfte — dreimal, kurz, in dem Rhythmus, der im AAZ als „kollegial, aber dringend" galt —, war Frau Behrens-Goldbach vorbereitet. Sie war vorbereitet auf eine Frage zum Ausschuss, eine Bitte um Kaffee oder eine jener existenziellen Betrachtungen über das Wesen der Bürokratie, zu denen Thomas in letzter Zeit neigte und die Frau Behrens-Goldbach mit der Geduld einer Therapeutin und der Effizienz einer Sachbearbeiterin ertrug.

Worauf sie nicht vorbereitet war, war der schwarze USB-Stick.

Thomas hielt ihn hoch. Klein, schwarz, unbeschriftet. Frau Behrens-Goldbach betrachtete den Stick, und in ihrem Gesicht geschah etwas, das Thomas nur einmal zuvor gesehen hatte — am Tag, als die Kaffeemaschine im dritten Stock endgültig den Geist aufgab und der Fehlercode E-2847 auf dem Display erschien. Ihr Gesicht wurde blass. Nicht dramatisch blass, nicht filmreif blass, sondern blass in der Art, wie ein amtliches Dokument blass wird, wenn es zu lange in der Sonne liegt: langsam, unmerklich, aber unwiderruflich.

„Wo genau war der?", fragte sie. Ihre Stimme war kontrolliert, aber Thomas kannte Frau Behrens-Goldbach lange genug, um zu wissen, dass Kontrolle bei ihr das Äquivalent eines Alarmzeichens war. Andere Menschen wurden laut, wenn sie beunruhigt waren. Frau Behrens-Goldbach wurde präzise.

„Im Stuhl", sagte Thomas.

„In welchem Stuhl?"

„Meinem Bürostuhl. Dem, der gestern in der Sitzung zusammengebrochen ist."

Frau Behrens-Goldbach schloss die Augen. Es war ein kurzes Schließen, eine Sekunde vielleicht, aber in dieser Sekunde schien sie eine Berechnung durchzuführen, die mehrere Jahrzehnte Amtsgeschichte umfasste. Als sie die Augen wieder öffnete, war der Ausdruck darin von jener Klarheit, die entsteht, wenn sich ein Puzzleteil an seinen Platz fügt — nicht ein freudiges Klicken, sondern eher das leise Geräusch einer Falltür, die sich öffnet.

„Das ist mein alter Stuhl", sagte sie.

Thomas brauchte einen Moment. „Ihr Stuhl?"

„Mein Stuhl. Ich habe ihn vor fünf Jahren getauscht. Er quietschte."

„Er hat bis zuletzt gequietscht."

„Ich weiß. Deshalb habe ich ihn getauscht. Er wurde in den Bestand zurückgeführt und — vermutlich — an Sie vergeben, als Sie Ihre Stelle angetreten haben."

Thomas setzte sich auf den Besucherstuhl in Zimmer 314. Der Besucherstuhl war, wie alle Besucherstühle im AAZ, von jener Bauart, die signalisierte, dass Besuche kurz sein sollten. „Sie hatten einen USB-Stick in Ihrem Stuhl?"

„Nein. Ich hatte keinen USB-Stick in meinem Stuhl. Aber der Stuhl —" Sie stockte. Frau Behrens-Goldbach stockte nie. „Der Stuhl kam nicht immer mir. Bevor ich ihn hatte, war er in Zimmer 314 — hier —, aber Zimmer 314 war damals nicht mein Büro."

„Wessen Büro war es?"

Frau Behrens-Goldbach schwieg einen Moment. Es war jenes Schweigen, das entsteht, wenn jemand eine Information zurückhält, nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil er abwägt, ob die Information die Dinge besser oder schlimmer machen wird, und zu dem Schluss kommt, dass die Antwort vermutlich „beides" lautet.

„Zimmer 314 war in den Jahren 2005 bis 2010 dem Inventar der Abteilung 6 zugeordnet. Als Abteilung 6 — nun ja — als Abteilung 6 aufgehört hat zu existieren, wurde das Inventar auf die verbleibenden Abteilungen verteilt. Der Stuhl kam zu mir. Der Schreibtisch ging in Zimmer 308. Die Pflanze starb."

Thomas verarbeitete diese Information mit der Geschwindigkeit eines Computers aus den Neunzigerjahren — langsam, mit gelegentlichen Geräuschen, aber zuverlässig. Der schwarze USB-Stick war in einem Stuhl gewesen, der aus Abteilung 6 stammte. Aus der Abteilung von Schmied. Aus der Abteilung, die den Locher bestellt hatte. Aus der Abteilung, deren Alpaka-Poster im Keller hing.

„Der Stuhl war in Zimmer 601?", fragte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach schüttelte den Kopf. „Nicht 601. Zimmer 614. Abteilung 6 hatte mehrere Räume, bevor sie — konsolidiert wurde." Sie sprach das Wort „konsolidiert" in Anführungszeichen, die man hören konnte, auch wenn sie sie nicht mit den Fingern machte.

Thomas betrachtete den schwarzen USB-Stick in seiner Hand. Er drehte ihn um. Keine Beschriftung. Kein „FINAL", kein „BACKUP", kein gar nichts. Ein anonymer schwarzer Stick, versteckt in der Hohlkammer eines Bürostuhls, der durch drei Besitzer und mindestens zwei Stockwerke gewandert war, bevor er in Besprechungsraum B-07 sein dramatisches Ende gefunden hatte.

„Haben Sie den Stick geöffnet?", fragte Frau Behrens-Goldbach.

„Noch nicht."

„Ist er passwortgeschützt?"

„Das weiß ich nicht."

Frau Behrens-Goldbach sah ihn an. Es war ein Blick, der sagte: Sie haben einen USB-Stick in Ihrem kaputten Bürostuhl gefunden, der aus der mysteriösen Abteilung 6 stammt, und Sie haben noch nicht einmal nachgesehen, was darauf ist?

Thomas erwiderte den Blick mit einem, der sagte: Beim letzten Mal, als ich einen USB-Stick in einen Computer gesteckt habe, hat die IT-Abteilung mir eine Sicherheitswarnung geschickt.

Es war eine jener wortlosen Konversationen, die nur zwischen Kollegen möglich sind, die seit Monaten den gleichen Flur teilen und den gleichen Kantinenkaffee trinken.

„Es gibt noch etwas", sagte Thomas. Er erzählte von Vorgang 2847/A. Vom Locher-Antrag. Von den 47 Seiten. Von der fehlenden letzten Seite. Von der Abteilung 6 als Antragstellerin. Frau Behrens-Goldbach hörte zu, ohne zu unterbrechen, was bei ihr das Zeichen höchster Aufmerksamkeit war — normalerweise unterbrach sie nach dem dritten Satz, korrigierte nach dem fünften und schlug nach dem siebten eine Lösung vor, die Thomas noch nicht in Betracht gezogen hatte.

Diesmal hörte sie bis zum Ende zu.

Dann stand sie auf, ging zu ihrem Aktenschrank — einem Möbelstück, das Thomas insgeheim als das bestorganisierte Objekt im gesamten AAZ betrachtete —, öffnete die unterste Schublade und entnahm eine Packung Kugelschreiber. Zehn Stück. Blau. In Originalverpackung.

Thomas sah sie fragend an.

„Neue Stifte", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Ich habe sie heute bestellt."

„Neue Stifte."

„Ja."

Thomas wartete auf eine Erklärung. Frau Behrens-Goldbach bot keine an. Das Bestellen von neuen Stiften war, isoliert betrachtet, ein vollkommen normaler Vorgang. Im Kontext dieses Gesprächs — USB-Sticks, Abteilung 6, ein 47-seitiger Locher-Antrag — wirkte es wie ein Ablenkungsmanöver. Thomas betrachtete die Stifte mit dem Misstrauen eines Mannes, der gelernt hatte, dass im AAZ nichts war, wie es schien, nicht einmal Kugelschreiber.

Frau Behrens-Goldbach setzte sich wieder. Sie faltete die Hände auf dem Schreibtisch, eine Geste, die Thomas als ihr Äquivalent eines tiefen Atemholens kannte.

„Thomas", sagte sie, und die Tatsache, dass sie seinen Vornamen benutzte, war an sich bemerkenswert genug, um Thomas aufhorchen zu lassen, „den schwarzen Stick hat Schmied selbst versteckt."

Thomas’ Mund öffnete sich. Kein Ton kam heraus. Es war, als hätte jemand die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinen Stimmbändern unterbrochen, wie ein Netzwerkkabel, das aus seiner Buchse gerutscht ist.

Frau Behrens-Goldbach sprach weiter, leise, mit jener Ruhe, die Thomas inzwischen als ihre gefährlichste Eigenschaft erkannte. „Für den Fall, dass jemand den roten findet."

„Woher —"

„Ich war fünf Jahre lang die Letzte, die diesen Stuhl benutzt hat, bevor er zu Ihnen kam. Glauben Sie, ich habe nicht bemerkt, dass da etwas drin war?"

Thomas schloss den Mund. Er öffnete ihn wieder. Schloss ihn. Er fühlte sich wie ein Fisch, dem man gerade erklärt hatte, dass das Wasser, in dem er schwamm, ein Aquarium war und jemand anderes das Futter einwarf.

„Und Sie haben nie —"

„Ich habe nie nachgesehen. Es ging mich nichts an. Es geht mich immer noch nichts an." Frau Behrens-Goldbach nahm einen Schluck Kaffee. „Aber Sie scheinen entschlossen zu sein, es herauszufinden. Also sollten Sie vorsichtig sein."

Thomas stand auf. Er hielt den schwarzen USB-Stick in der einen Hand und ein Gefühl in der anderen, das er nicht benennen konnte — irgendwo zwischen Aufregung, Angst und dem dringenden Bedürfnis, einen Kaffee zu trinken. An der Tür drehte er sich um.

„Die Stifte", sagte er. „Warum neue Stifte?"

Frau Behrens-Goldbach lächelte. Es war das erste Lächeln, das Thomas an diesem Tag sah, und es machte ihm mehr Angst als der USB-Stick.

„Man weiß nie, was man als Nächstes aufschreiben muss", sagte sie.