Kapitel 54

Das Einhorn-Geheimnis

Thomas Müller-Hinterberg betrat den sechsten Stock des AAZ zum dritten Mal in seinem Leben, und wie bei den beiden Malen zuvor hatte er das Gefühl, eine Schwelle zu überschreiten, die weniger architektonischer als vielmehr ontologischer Natur war. Der sechste Stock existierte auf eine Weise, die sich den üblichen Kategorien der Existenz entzog: Er war da, er war begehbar, er hatte Wände und Türen und jenen unverwechselbaren Geruch nach altem Papier und abgestandener Luft, der in jedem Amt der Welt identisch ist — und doch stand er in keinem Gebäudeplan, in keinem Fluchtwegeschild, in keinem Dokument des AAZ.

Der Flur war still. Das Neonlicht summte in jener Frequenz, die Wissenschaftler als „grenzwertig hörbar" und Sachbearbeiter als „Tinnitus des Gebäudes" bezeichneten. Thomas ging langsam. Seine Schritte hallten auf dem Linoleum — demselben grau-grünen Linoleum, das in allen Stockwerken verlegt war, was bewies, dass jemand den sechsten Stock einmal für real genug gehalten hatte, um Bodenbelag zu bestellen.

Zimmer 601. Die Tür war angelehnt, wie beim letzten Mal. Thomas fragte sich, ob sie jemals geschlossen war, oder ob sie seit fünfzehn Jahren in diesem Zustand der permanenten Halboffenheit verharrte, als warte sie auf jemanden, der zu höflich war, um einzutreten, und zu neugierig, um zu gehen.

Er schob die Tür auf.

Der Raum war unverändert. Schreibtisch, Stuhl, Aktenschrank, Staubschicht. Die Luft schmeckte nach Zeit — nicht nach alter Zeit, nicht nach abgestandener Zeit, sondern nach Zeit an sich, als habe jemand das Konzept der Vergänglichkeit in eine Aerosoldose gefüllt und im Raum versprüht.

Und da war es: das Einhorn-Poster.

Thomas hatte es bei seinen früheren Besuchen gesehen, natürlich. Man konnte es kaum übersehen. Es hing an der Wand gegenüber dem Schreibtisch, an einer Stelle, die sicherstellte, dass der Bewohner des Büros es jeden Tag, bei jedem Aufblicken, im Blickfeld hatte. Ein Einhorn, weiß, majestätisch, auf einer grünen Wiese.

Aber heute — mit dem Abschiedsbrief frisch im Gedächtnis und dem Schlüssel zu 601b in der Tasche — sah Thomas genauer hin.

Er trat nah heran. So nah, dass seine Nase fast das Poster berührte, und er den schwachen Geruch von Druckfarbe und Klebestreifen wahrnahm. Das Einhorn stand nicht einfach auf einer Wiese. Das Einhorn stand auf etwas. Unter seinen Hufen, halb verborgen im gemalten Gras, lag ein Blatt Papier. Thomas kniff die Augen zusammen. Das Blatt Papier hatte Zeilen. Kästchen. Eine Überschrift.

Formular 7b.

Das Einhorn stand auf Formular 7b.

Thomas trat einen Schritt zurück. Dann noch einen. Aus der Entfernung sah er, was ihm aus der Nähe entgangen war: den Hintergrund des Posters. Hinter dem Einhorn, hinter der Wiese, am Horizont — wo bei einem gewöhnlichen Poster vielleicht ein Regenbogen oder ein Sonnenuntergang gewesen wäre — stand ein Tier. Braun. Wolliges Fell. Langer Hals.

Ein Alpaka.

Das Einhorn-Poster war kein gewöhnliches Einhorn-Poster. Es war ein kunstvoll gestaltetes Allegorie-Bild, in dem sämtliche Elemente von Schmieds beruflicher Existenz versammelt waren: das Formular, das Alpaka und — in der Mitte, als verbindendes Element — das Einhorn, jenes Wesen, das per Definition nicht existiert und gerade deshalb alles zusammenhält.

Thomas fotografierte das Poster mit seinem Diensthandy (einem Gerät, das drei Jahre alt war und Fotos in einer Qualität machte, die an impressionistische Gemälde erinnerte). Dann wandte er sich nach rechts.

Dort, neben dem Poster, halb verborgen hinter dem Aktenschrank, sah er etwas, das er bei seinen bisherigen Besuchen nicht bemerkt hatte. Ein kleines Messingschild, vielleicht zehn Zentimeter breit, fünf Zentimeter hoch, mit eingravierten Buchstaben:

H. SCHMIED
Sachbearbeiter für besondere Vorgänge
Im Dienst seit 1978
Dauerhaft abwesend seit ███████

Thomas starrte das Schild an. Selbst hier — auf einem Messingschild, das jemand hatte anfertigen lassen, was im AAZ einen Beschaffungsvorgang von mindestens sechs Wochen bedeutete — war das Datum geschwärzt. Nicht mit Edding diesmal, sondern mit schwarzer Farbe, sorgfältig aufgetragen, als habe jemand das Datum auf dem Schild mit einem feinen Pinsel übermalt.

„Im Dienst seit 1978", murmelte Thomas. Dreiunddreißig Jahre, bevor Schmied verschwand. Dreiunddreißig Jahre Formular 7b, dreiunddreißig Jahre Abteilung 6, dreiunddreißig Jahre Einhorn-Poster. Was hatte ein Mann in dreiunddreißig Jahren getan, der für „besondere Vorgänge" zuständig war, in einer Abteilung, die nicht existierte, in einem Stockwerk, das in keinem Plan verzeichnet war?

Unter dem Messingschild befand sich ein Schlüsselhaken. Ein einfacher Messinghaken, an der Wand befestigt. Leer. Was auch immer hier einmal gehangen hatte, war fort. Thomas dachte an den Schlüssel in seiner Tasche — 601b — und fragte sich, ob er von diesem Haken stammte. Ob Schmied ihn dort aufbewahrt hatte, bevor er ihn im doppelten Boden der Schublade versteckte. Oder ob jemand anders ihn dort platziert hatte. Für Thomas.

Dieser Gedanke beunruhigte ihn mehr als alles andere.

Er wandte sich dem Schreibtisch zu. Beim letzten Besuch hatte er die Schublade geöffnet und den doppelten Boden nicht bemerkt. Beim Besuch davor hatte er die Visitenkarte gefunden. Zimmer 601 gab seine Geheimnisse dosiert preis, wie ein Beamter, der Auskunft erteilt — technisch korrekt, aber immer nur das Minimum.

Thomas öffnete die Schublade. Sie war leer — nein. Sie enthielt, wie beim letzten Mal, den Staub mehrerer Jahre und einen einzelnen Büroklammer, der so verbogen war, dass er aussah wie ein kleines Tier. Ein Einhorn, wenn man sehr wohlwollend war. Eine Giraffe mit Helmspitze, wenn man realistisch war.

Er tastete den Boden der Schublade ab. Holz. Glatt. Dann — ein leises Klicken. Der Boden gab nach. Nicht viel, vielleicht zwei Millimeter, aber genug, dass Thomas’ Finger die Kante einer zweiten Ebene spürten.

Er hob den falschen Boden an. Darunter lag ein Hohlraum, vielleicht drei Zentimeter tief. Und in diesem Hohlraum lag — Thomas hielt den Atem an, nicht aus Dramatik, sondern weil der Staub, der aus dem Hohlraum aufstieg, seine Nasenschleimhäute reizte — ein Schlüssel.

Nicht der Schlüssel, den er bereits hatte. Ein anderer. Kleiner. Messingfarben, aber dunkler, als habe er jahrelang in der Dunkelheit gelegen und dabei eine Patina der Vergessenheit angesetzt. An dem Schlüssel hing ein Etikett, beschriftet in einer Handschrift, die Thomas mittlerweile erkannte — Schmieds Handschrift, die gleiche wie auf der frischen Unterschrift des Abschiedsbriefs:

601b

Thomas betrachtete den Schlüssel. Dann den Schlüssel in seiner Tasche. Sie waren — er legte sie nebeneinander — identisch. Nein. Nicht identisch. Der Schlüssel aus der Schublade war älter, abgegriffener. Der Schlüssel, den er bereits besaß — woher hatte er den nochmal? Er versuchte sich zu erinnern. Der erste Besuch in 601? Nein, da hatte er die Visitenkarte gefunden. Der zweite Besuch? Er konnte sich nicht erinnern, den Schlüssel gefunden zu haben. Und doch lag er in seiner Tasche.

Thomas beschloss, diesen Gedanken vorläufig in jene Schublade seines Geistes einzusortieren, die er für Dinge reserviert hatte, die er nicht verstand und die er im Rahmen seiner begrenzten Lebenszeit wahrscheinlich auch nie verstehen würde. Die Schublade war, um ehrlich zu sein, ziemlich voll.

Er steckte den zweiten Schlüssel ebenfalls ein. Zwei Schlüssel für 601b. Einer abgegriffen, einer weniger. Pflüger hatte gesagt: „Da kommt man durch die Wand."

Thomas sah sich im Raum um. An welcher Wand? Die Wand mit dem Fenster schied aus — dahinter lag die Außenwelt, beziehungsweise der Innenhof, in dem das Alpaka kaute. Die Wand mit der Tür schied ebenfalls aus — dahinter lag der Flur. Blieben zwei Wände: die mit dem Einhorn-Poster und die gegenüberliegende, an der der Aktenschrank stand.

Thomas trat an den Aktenschrank. Er war schwer — massiv, aus jenem Material gefertigt, das in den Siebzigern als „bürotauglich" galt und das in Wirklichkeit so beschaffen war, dass es einen direkten Atomtreffer überstanden hätte, während der Inhalt — Papier — beim ersten Luftzug davongeflogen wäre. Thomas versuchte, den Schrank zu bewegen. Er rührte sich nicht.

Er versuchte es erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. Der Schrank wich einen Zentimeter nach links. Hinter dem Schrank kam die Wand zum Vorschein. Und in der Wand — Thomas blinzelte — war ein Schloss.

Ein kleines Messingschloss, eingelassen in die Wand, auf Kniehöhe. Ohne Beschilderung, ohne Markierung. Einfach ein Schloss in einer Wand.

Thomas kniete sich hin. Er nahm den älteren der beiden Schlüssel — den aus der Schublade — und steckte ihn ins Schloss. Er passte. Er drehte sich mit einem leisen, befriedigenden Klicken, das klang, als sage die Mechanik: „Endlich."

Ein Teil der Wand — vielleicht sechzig Zentimeter breit, achtzig Zentimeter hoch — schwang nach innen auf. Dahinter lag Dunkelheit. Und ein Luftzug, der nach Papier roch und nach etwas anderem, das Thomas nicht einordnen konnte. Es roch nach — Heu?

Thomas kniete vor dem Durchgang und starrte in die Schwärze. Sein Verstand sagte: Taschenlampe holen. Sein Instinkt sagte: Hineingehen. Seine Knie sagten: Aufstehen, bitte.

Er stand auf. Er würde wiederkommen. Vorbereitet. Mit Taschenlampe. Mit Formular 12c für dienstliche Sondergänge. Und vielleicht, nur vielleicht, mit Verstärkung.

Er schloss die Wandklappe. Er schob den Aktenschrank zurück. Er verließ Zimmer 601.

Auf dem Weg nach unten — die Treppe, da der Aufzug den sechsten Stock nach wie vor nicht kannte — blieb Thomas auf dem Absatz zwischen dem fünften und vierten Stock stehen. Er atmete. Er dachte nach.

Irgendwo hinter einer Wand, in einer Abstellkammer, die man nur durch eine geheime Klappe hinter einem Aktenschrank erreichte, lag etwas, das nach Heu roch. In einem Amt, in dem ein Alpaka im Innenhof lebte. In dem ein Abschiedsbrief mit „Kümmern Sie sich um das Alpaka" endete.

Thomas ging weiter nach unten. In seiner Tasche klimperten zwei Schlüssel leise gegeneinander, wie ein Gespräch, das niemand hören sollte.