Die Ordnerfarben
Die dreizehnte Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Vorgang 2847/B wurde für 10:00 Uhr einberufen und begann, der Tradition des AAZ entsprechend, um 10:23 Uhr, nachdem Herr Pflüger den Schlüssel zum Besprechungsraum gesucht, gefunden, verloren, wiedergefunden und schließlich festgestellt hatte, dass die Tür gar nicht abgeschlossen war.
Anwesend waren: Thomas Müller-Hinterberg (Sachbearbeiter, Zimmer 312), Frau Behrens-Goldbach (Sachbearbeiterin, Zimmer 314), Herr Kettner (Abteilungsleiter, Zuständigkeit: unklar), Frau Dr. Winterkorn (Vorsitzende des Ausschusses, Dringlichkeitsbeauftragte) und Herr Pflüger (Hausmeister, Protokollführer, Schlüsselverwalter und — seit der letzten Sitzung — auch Kassenwart des Ausschussbudgets von 0,01 Euro, das seit Gründung weder aufgestockt noch ausgegeben worden war).
Frau Dr. Winterkorn eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Wir kommen zu Tagesordnungspunkt eins: Die Farbe der Ermittlungsordner."
Thomas, der seinen Kopf voller Schlüssel, Wandklappen und heuduftender Dunkelheit hatte, brauchte einen Moment, um die Worte zu verarbeiten. „Die Farbe der — Ordner?"
„Der Ermittlungsordner", bestätigte Frau Dr. Winterkorn. „Wir haben mittlerweile siebenundzwanzig Dokumente, drei USB-Sticks, einen Abschiedsbrief, siebzehn Haikus und ein Einhorn-Poster dokumentiert. Diese Materialien müssen abgeheftet werden. In Ordnern. Und Ordner haben Farben."
„Blau", sagte Herr Kettner sofort und mit einer Entschiedenheit, die darauf hindeutete, dass er über diese Frage bereits nachgedacht hatte. Möglicherweise war es die einzige Frage, über die er seit der letzten Sitzung nachgedacht hatte. „Blau ist Standard. Blau ist seriös. Blau ist die Farbe der Verwaltung."
„Mit Verlaub", sagte Frau Dr. Winterkorn, und die Art, wie sie „mit Verlaub" sagte, ließ erkennen, dass das, was folgen würde, den Verlaub nicht im Geringsten benötigte, „blau ist die Farbe der Routine. Vorgang 2847/B ist keine Routine. Vorgang 2847/B ist die bedeutsamste Ermittlung in der Geschichte des AAZ. Die Ordner müssen rot sein. Rot signalisiert Dringlichkeit. Rot signalisiert Priorität."
„Rot signalisiert Gefahr", wandte Herr Kettner ein. „Wollen wir Panik? Im Amt?"
„Was wäre so schlimm an ein bisschen Panik?", murmelte Frau Behrens-Goldbach, ohne von ihrem Kaffee aufzusehen.
Herr Pflüger räusperte sich. „Ich hätte einen Vorschlag", sagte er, und alle wandten sich ihm zu, weil Herr Pflüger selten Vorschläge machte und wenn, dann von einer Direktheit, die im AAZ als beinahe revolutionär galt. „Grün."
„Grün?", sagten drei Stimmen gleichzeitig.
„Ich mag Grün", sagte Herr Pflüger.
Es folgte eine Pause, in der jeder Anwesende versuchte, das Argument „ich mag Grün" in die üblichen Kategorien bürokratischer Entscheidungsfindung einzuordnen — sachliche Begründung, strategische Überlegung, Kosten-Nutzen-Analyse — und dabei scheiterte. „Ich mag Grün" war keines dieser Dinge. Es war eine persönliche Präferenz, und persönliche Präferenzen hatten im AAZ den gleichen Stellenwert wie Einhörner in der Zoologie: theoretisch denkbar, praktisch irrelevant.
„Grün ist die Farbe der Hoffnung", versuchte Herr Pflüger nachzulegen, was die Sache nicht verbesserte, da Hoffnung im AAZ ein ähnlich abstrakter Begriff war wie „Innovation" oder „Mitarbeiterzufriedenheit."
Thomas, der mit seinen Gedanken noch immer in der Dunkelheit hinter der Wand von Zimmer 601 steckte, sagte: „Mir ist die Farbe egal."
Stille.
Die Aussage „mir ist die Farbe egal" in einer Diskussion über Ordnerfarben war, im Kontext des AAZ, ungefähr so schockierend wie die Aussage „mir ist die Sonne egal" auf einem Kongress für Astrophysik. Herr Kettner sah Thomas an, als habe dieser soeben die Grundfesten der Zivilisation in Frage gestellt. Frau Dr. Winterkorn notierte etwas. Herr Pflüger nickte, als bewundere er den Mut, der nötig war, um in einer Ordnerfarben-Debatte Gleichgültigkeit zu bekunden.
Frau Behrens-Goldbach sagte nichts. Sie schwieg mit einer Intensität, die Thomas mittlerweile als ihre Art kannte, eine Position zu beziehen, ohne sie zu benennen.
Die Diskussion, die folgte, dauerte neunzig Minuten. Thomas zählte sie nicht — er war zu beschäftigt damit, an den Heugeruch zu denken und an die Frage, ob man für das Betreten einer Abstellkammer im eigenen Amt ein Formular brauchte — aber Herr Pflüger, in seiner Eigenschaft als Protokollführer, notierte die Dauer mit der Gewissenhaftigkeit eines Mannes, der weiß, dass Protokolle das Einzige sind, was von Sitzungen übrigbleibt.
In diesen neunzig Minuten wurden folgende Argumente vorgebracht:
Herr Kettner argumentierte für Blau mit Hinweis auf die Beschaffungsrichtlinie des AAZ (Dokument BR-12), die Blau als „Standardfarbe für Ordner der Kategorie I bis IV" festlegte. Frau Dr. Winterkorn argumentierte für Rot mit Hinweis auf die Dringlichkeitsverordnung (Dokument DV-3), die Rot als „Kennfarbe für Vorgänge erhöhter Priorität" definierte. Herr Pflüger argumentierte für Grün mit Hinweis auf die Tatsache, dass er Grün mochte.
In Minute siebenunddreißig warf Frau Dr. Winterkorn die Möglichkeit von Gelb auf, was einen vierzehnminütigen Exkurs über die psychologische Wirkung von Gelb im Büroumfeld nach sich zog, an dessen Ende alle Beteiligten übereinkamen, dass Gelb „zu fröhlich" sei.
In Minute einundfünfzig schlug Herr Kettner „dunkles Blau" vor, was Frau Dr. Winterkorn als „das gleiche wie Blau, nur feiger" bezeichnete, woraufhin Herr Kettner darauf hinwies, dass „feige" kein Farbattribut sei, und Frau Dr. Winterkorn antwortete, im AAZ sei alles ein Farbattribut, wenn man lange genug diskutiere.
In Minute siebenundsechzig betrat die Diskussion jenes Stadium, das Thomas als „den Orbit" kannte — den Punkt, an dem eine Diskussion sich so weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt hatte, dass die Rückkehr mehr Energie erfordern würde als die Fortsetzung. Man sprach nun nicht mehr über Farben, sondern über Ordnerformate, Rückenbreiten, Ringmechaniken und die Frage, ob Klarsichthüllen als Bestandteil des Ordners oder als eigenständiges Archivierungsmittel zu betrachten seien.
In Minute einundachtzig sagte Frau Behrens-Goldbach ihr erstes Wort seit Beginn der Sitzung: „Grau."
Alle sahen sie an.
„Grau?", fragte Herr Kettner.
„Grau", bestätigte Frau Behrens-Goldbach. „Es ist weder blau noch rot noch grün. Es ist nichts. Es ist die Farbe des Kompromisses."
Die Worte hingen im Raum wie Staub im Sonnenlicht. Niemand sprach. Grau. Die Farbe, die niemand gewählt hätte. Die Farbe, die keine Aussage machte. Die Farbe, die — und das war vielleicht das Entscheidende — niemanden zufriedenstellte und gerade deshalb für alle akzeptabel war.
„Grau ist nicht einmal eine Farbe", protestierte Herr Pflüger schwach.
„Das", sagte Frau Dr. Winterkorn, und in ihrer Stimme lag ein Ton, den man als widerwillige Bewunderung hätte deuten können, „ist genau der Punkt."
Das Protokoll verzeichnete: „Beschluss: Ermittlungsordner in Grau. Einstimmig bei allgemeiner Unzufriedenheit."
Herr Pflüger schrieb vier Seiten Protokoll. Vier Seiten über Ordnerfarben. Thomas unterschrieb, ohne zu lesen, was für einen Sachbearbeiter einer Todsünde gleichkam, aber sein Kopf war woanders. Sein Kopf war hinter einer Wand im sechsten Stock.
Als die Sitzung sich auflöste — „auflöste" im wörtlichen Sinne, denn niemand beendete sie offiziell, die Teilnehmer zerstreuten sich einfach wie Gasmoleküle in einem geöffneten Behälter — blieb Thomas sitzen. Er starrte auf den Tisch, auf dem das Protokoll lag, vier Seiten Grau, und dachte an den Schlüssel.
Herr Pflüger, der als Letzter den Raum verließ, weil er die Stühle unter die Tische schieben musste (Hausmeisterpflicht, ungeschriebenes Gesetz), blieb neben Thomas stehen.
„Sie denken an den Schlüssel", sagte er. Es war keine Frage.
Thomas sah auf. „Woher wissen Sie —"
„Ich bin Hausmeister", sagte Herr Pflüger, als erkläre das alles. Und vielleicht tat es das. Hausmeister wussten Dinge, die andere nicht wussten, nicht weil sie neugierig waren, sondern weil Gebäude ihnen ihre Geheimnisse erzählten — in der Sprache knarrender Dielen, tropfender Rohre und klemmender Schlösser.
„601b", sagte Thomas. „Was ist das?"
Herr Pflüger schob den letzten Stuhl unter den Tisch. „Die Abstellkammer neben 601. Offiziell existiert sie nicht." Er machte eine Pause. „Wie der ganze sechste Stock."
„Und man kommt durch die Wand?"
„Man kommt durch die Wand." Pflüger ging zur Tür. Dann drehte er sich um. „Nehmen Sie eine Taschenlampe mit. Und vielleicht einen Stuhl. Einen guten Stuhl. Nicht die hier."
Thomas betrachtete den Besprechungsraumstuhl. Er war grau. Wie die Ordner.
„Warum einen Stuhl?"
Aber Herr Pflüger war bereits gegangen. Seine Schritte hallten im Flur nach, gleichmäßig und unerschütterlich wie das Ticken einer Uhr, die nie falsch geht, weil sie nie eine Meinung hat.
Thomas saß allein im Besprechungsraum. In seiner Tasche lagen zwei Schlüssel für eine Abstellkammer, die nicht existierte. Auf dem Tisch lag ein Protokoll über Ordnerfarben. Und in seinem Kopf wirbelte eine Frage, die sich nicht in Grau beantworten ließ:
Was war hinter der Wand?