Die Alpaka-Babies
Es gibt Ereignisse, die ein Amt erschüttern, und es gibt Ereignisse, die ein Amt zum Stillstand bringen. Im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten war die Differenz zwischen beiden Kategorien in der Regel vernachlässigbar, da das Amt sich ohnehin in einem Zustand permanenter Beinahe-Bewegungslosigkeit befand, der weniger an Stillstand erinnerte als vielmehr an jene Form der Zeitlupe, die man in Naturfilmen verwendet, um den Flügelschlag eines Kolibris sichtbar zu machen — nur dass hier nichts flatterte.
Aber an diesem Freitagmorgen geschah etwas, das selbst die äußerste Grenze der amtlichen Gleichgültigkeit durchbrach.
Das Alpaka hatte Nachwuchs bekommen.
Die Nachricht verbreitete sich mit einer Geschwindigkeit, die im AAZ beispiellos war. Um 8:07 Uhr hatte Herr Pflüger die Babies entdeckt — drei kleine, wollene Wesen, die auf unsicheren Beinen im Innenhof standen und die Welt mit jener Mischung aus Verwunderung und Gelassenheit betrachteten, die Neugeborenen und sehr alten Sachbearbeitern eigen ist. Um 8:09 Uhr hatte er die Information an Frau Kellermann von der Poststelle weitergegeben. Um 8:14 Uhr wusste das gesamte Erdgeschoss. Um 8:23 Uhr standen siebenunddreißig Mitarbeiter am Fenster des zweiten Stocks und produzierten Laute, die man als „entzückt" bezeichnen muss, obwohl dieses Wort im AAZ normalerweise nur in Verbindung mit besonders gelungenen Budgetabschlüssen Verwendung fand.
Thomas erfuhr es um 8:31 Uhr, als Frau Behrens-Goldbach in Zimmer 312 erschien — ohne anzuklopfen, was für sie so ungewöhnlich war wie für andere Menschen eine spontane Reise zum Mond — und mit einer Stimme, die echte Emotion verriet, sagte: „Das Alpaka hat Babies."
Thomas ging ans Fenster. Er sah hinunter in den Innenhof, jenen asphaltierten Rechteck zwischen den Flügeln des AAZ, in dem seit Menschengedenken — oder zumindest seit Herr Pflüger gedenken konnte, was auf dasselbe hinauslief — ein einzelnes Alpaka lebte. Woher es kam, wusste niemand. Warum es blieb, wusste niemand. Wer es fütterte, wusste offiziell niemand, obwohl Herr Pflüger jeden Morgen einen Eimer Heu in den Innenhof stellte und dies als „Grünflächenpflege" deklarierte.
Und nun waren es vier.
Die drei Neugeborenen waren von jener unwiderstehlichen Niedlichkeit, die die Natur erfunden hat, um sicherzustellen, dass hilflose Wesen nicht sofort gefressen werden — eine Strategie, die im AAZ insofern überflüssig war, als das größte Raubtier im Gebäude die Kaffeemaschine in der Teeküche war, die gelegentlich Finger einzuklemmen pflegte.
Die Babies hatten wolliges Fell in verschiedenen Brauntönen, große dunkle Augen und Ohren, die wie kleine Satellitenschüsseln in alle Richtungen zeigten. Sie stolperten durch den Innenhof mit jener tollpatschigen Anmut, die nur Wesen aufbringen, die das Konzept der Schwerkraft noch nicht vollständig internalisiert haben.
Die Mutter — das erwachsene Alpaka, das Thomas bis zu diesem Moment für geschlechtsunbestimmt gehalten hatte, da er a) kein Zoologe war, b) es nie gewagt hatte, die Frage zu stellen, und c) das AAZ die Geschlechtszugehörigkeit seiner tierischen Bewohner mit der gleichen Diskretion behandelte wie die Gehaltsabrechnungen seiner menschlichen — stand daneben und kaute.
„Wusste jemand, dass es schwanger war?", fragte Thomas.
Die Frage, gerichtet an niemanden im Besonderen und an das Universum im Allgemeinen, wurde von Herrn Pflüger beantwortet, der mit einem zweiten Eimer Heu den Innenhof betrat und dabei eine Selbstverständlichkeit ausstrahlte, als geschehe dies alle Tage.
„War schon immer so", sagte Pflüger. „Alle paar Jahre gibt’s Nachwuchs."
„Aber", sagte Thomas, und er formulierte die Frage, die jeder dachte, aber niemand stellte, weil sie eine Antwort erfordert hätte, die möglicherweise noch verstörender war als die Frage selbst, „wie kann ein einzelnes Alpaka Nachwuchs bekommen?"
Herr Pflüger stellte den Eimer ab. „Fragen Sie das Alpaka", sagte er und ging.
Die Produktivität des AAZ, die an einem normalen Freitag ohnehin eher symbolischer Natur war, sank auf null. Sämtliche Fenster zum Innenhof waren besetzt. In der dritten Etage hatte jemand ein Fernglas organisiert, das sich als Opernglas der pensionierten Kollegin Frau Habermann herausstellte, die es bei der Weihnachtsfeier 2019 vergessen hatte. Im Erdgeschoss hatte Frau Kellermann eine Namensliste begonnen.
Die Namen kamen schnell und wurden mit demokratischer Begeisterung debattiert:
Für Baby Nummer eins, das größte der drei, mit einem dunkelbraunen Fell und einer gewissen behördlichen Würde im Blick, einigte man sich auf „Aktenzeichen."
Für Baby Nummer zwei, das mittlere, mit einem hellbraunen Fell und einer Neigung, in Kreisen zu laufen, wurde „Paragraph" gewählt.
Für Baby Nummer drei — das kleinste, das hellste und das einzige mit einem auffälligen Fellwirbel auf der Stirn, der, wenn man den Kopf schräg legte und die Augen zusammenkniff, entfernt an ein Horn erinnerte — gab es nur einen möglichen Namen: „Einhorn."
Thomas betrachtete das kleine Alpaka mit dem hornförmigen Fellwirbel und dachte an das Poster in Zimmer 601. An Schmieds Abschiedsbrief: „Kümmern Sie sich um das Alpaka." An das Kaugeräusch am Telefon. An Formular 7b-revised-2 und das Feld „Alpaka-Betreuungsstatus."
Er hatte „lebendig und wohlauf" geschrieben. Er hätte „lebendig, wohlauf und vermehrt sich auf unerklärliche Weise" schreiben sollen.
Die geplante Ausschusssitzung — Tagesordnung: Bericht über die Locher-Ermittlungen und Eröffnung der grauen Ordner — wurde verschoben. Frau Dr. Winterkorn, die normalerweise Sitzungsverschiebungen mit dem gleichen Enthusiasmus betrachtete wie Naturkatastrophen, stimmte ohne Widerspruch zu. Man konnte sie am Fenster ihres Büros sehen, das Kinn auf die Hand gestützt, den Blick auf die Alpaka-Babies gerichtet, mit einem Gesichtsausdruck, den Thomas in fünfzehn Jahren Zusammenarbeit noch nie an ihr gesehen hatte und der nach einigem Nachdenken nur als „gerührt" beschrieben werden konnte.
Der Tag verging. Die Mitarbeiter kamen und gingen vom Fenster, wie Gezeiten an einem Strand. Die Alpaka-Babies erkundeten den Innenhof. Das erwachsene Alpaka kaute. Herr Pflüger brachte um 11 Uhr einen dritten Eimer Heu und um 14 Uhr einen vierten. Jemand — man vermutete Frau Kellermann — hatte eine Kamera organisiert und fotografierte die Babies in Abständen von zehn Minuten, was sie als „Entwicklungsdokumentation" bezeichnete und was, streng genommen, die wissenschaftlichste Tätigkeit war, die im AAZ seit Jahren stattfand.
Um 16:30 Uhr, als der Innenhof im Schatten der oberen Stockwerke lag und die Babies sich im Stroh ihres Unterschlupfs zusammengerollt hatten — eines jener provisorischen Holzunterstände, die Herr Pflüger mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes errichtet hatte, der regelmäßig Unterstände für Alpakas baute, was, wie Thomas vermutete, tatsächlich der Fall war — machte Thomas eine Beobachtung.
Er stand noch immer am Fenster. Die meisten Kollegen waren gegangen, der Freitagnachmittag übte eine Anziehungskraft auf AAZ-Mitarbeiter aus, die derjenigen eines schwarzen Lochs auf Materie nicht unähnlich war, nur in umgekehrter Richtung. Thomas war allein.
Er sah, wie das erwachsene Alpaka mit dem Huf im Stroh scharrte. Nicht auf die übliche, beiläufige Art, mit der Alpakas im Stroh scharren, sondern mit einer Zielstrebigkeit, die Thomas aufmerksam machte. Das Alpaka scharrte. Es senkte den Kopf. Es hob etwas auf.
Thomas kniff die Augen zusammen.
Es war ein Umschlag. Braun. DIN A5. Das Alpaka hielt ihn im Maul, betrachtete ihn mit einem Auge und ließ ihn dann fallen.
Thomas war drei Minuten später im Innenhof. Die Treppe hinunter, durch den Seiteneingang, vorbei an der Fahrradstellplatzverordnung (ausgehängt seit 1996, nie aktualisiert, nie beachtet). Das Alpaka sah ihn kommen und kaute demonstrativ weiter. Die Babies schliefen.
Der Umschlag lag im Stroh. Braun, leicht feucht, mit Strohhalmen beklebt und einem unverkennbaren Alpaka-Zahnabdruck in der oberen linken Ecke. Keine Beschriftung. Kein Absender. Kein Empfänger.
Thomas hob ihn auf. Er war leicht. Zu leicht für seinen Inhalt, wie sich herausstellte, denn als Thomas den Umschlag öffnete — vorsichtig, mit den Fingern, der Brieföffner war in Zimmer 312 — fiel ein zweiter Umschlag heraus.
Natürlich.
Der zweite Umschlag war weiß, kleiner, ebenfalls unbeschriftet. Thomas öffnete ihn. Ein dritter Umschlag. Cremefarben. Noch kleiner.
Er öffnete den dritten Umschlag mit der Resignation eines Mannes, der dieses Spiel mittlerweile kannte — die Umschläge im Umschlag, die russischen Puppen der Bürokratie, das ewige Versprechen, dass im nächsten Umschlag die Antwort lag, nur um festzustellen, dass dort ein weiterer Umschlag wartete.
Aber diesmal: kein vierter Umschlag. Stattdessen ein Zettel. Klein. Quadratisch. Handgeschrieben, in jener Handschrift, die Thomas nun im Schlaf erkannt hätte:
Sie kommen.
Zwei Worte. Keine Unterschrift. Kein Datum. Nur: Sie kommen.
Thomas stand im Innenhof, umgeben von Alpakas und Stroh und dem Geruch nach Heu und Herbst, und hielt einen Zettel in der Hand, der entweder eine Einladung war oder eine Warnung oder beides oder — was im AAZ immer die wahrscheinlichste Option darstellte — keines von beiden.
Er steckte den Zettel ein. Er betrachtete das Alpaka. Das Alpaka betrachtete ihn.
„Kümmern Sie sich um das Alpaka", hatte Schmied geschrieben.
Thomas bückte sich und legte die Hand auf den Kopf des kleinsten Babys, des Einhorns. Es öffnete ein Auge, betrachtete ihn mit dem unergründlichen Blick eines Wesens, das erst seit wenigen Stunden auf der Welt war und bereits mehr Gelassenheit besaß als die meisten Sachbearbeiter nach dreißig Dienstjahren, und schloss das Auge wieder.
Thomas ging zurück ins Gebäude. In seiner Tasche: zwei Schlüssel und ein Zettel.
Sie kommen.
Die Frage war nur: Wer? Und wohin?