Kapitel 63

Dienstagstraße 7b

Es gibt Orte, die man kennt, und Orte, von denen man weiß, dass sie existieren, ohne sie je betreten zu haben. Die meisten Menschen leben in der beruhigenden Illusion, dass ihre Stadt überschaubar sei — ein Netzwerk aus bekannten Straßen, vertrauten Gebäuden und jener Bäckerei an der Ecke, die seit dreißig Jahren das gleiche Brötchen verkauft und dennoch jeden Morgen so tut, als wäre es frisch. Thomas Müller-Hinterberg lebte in dieser Illusion nicht. Er wusste, dass es Straßen gab, die er nie betreten hatte. Er wusste es, weil er — als gewissenhafter Sachbearbeiter — einmal versucht hatte, alle Straßen der Stadt alphabetisch zu katalogisieren, und bei „D" aufgehört hatte, weil ihm das Papier ausgegangen war.

Die Dienstagstraße war eine dieser Straßen.

Thomas saß in Zimmer 312 vor seinem Computer und betrachtete Google Maps mit der Intensität eines Kartographen, der gerade eine neue Insel entdeckt hat. Die Dienstagstraße lag am südwestlichen Stadtrand, in einem Viertel, das Thomas nur vom Hörensagen kannte — jenem unbestimmten Hörensagen, das in Ämtern als „Flurfunk" bezeichnet wird und in seiner Zuverlässigkeit irgendwo zwischen Wettervorhersage und Horoskop angesiedelt ist.

Die Straße war kurz. Erschreckend kurz. Sie zweigte von der Mittwochstraße ab — Thomas registrierte die kalendarische Namensgebung mit der stillen Genugtuung eines Mustererkenners — und endete nach etwa zweihundert Metern in einer Sackgasse. Sechs Häuser auf der linken Seite, sieben auf der rechten. Hausnummer 7b war das allerletzte, dort, wo die Straße in ein Feld überging, das laut Satellitenaufnahme entweder eine Wiese oder ein sehr vernachlässigter Golfplatz war.

Thomas zoomte hinein. Das Haus war klein und unscheinbar, mit einem Dach, das die Farbe „ehemals rot" trug, und einem Vorgarten, der den Eindruck erweckte, als hätte die Natur hier einen Waffenstillstand mit der Zivilisation geschlossen: Der Rasen war gemäht, aber auf eine Weise, die nahelegte, dass jemand es getan hatte, der das Konzept „Rasen mähen" nur theoretisch kannte.

Thomas wechselte zu Google Street View.

Das Bild war datiert auf September des Vorjahres. Die Kamera hatte die Dienstagstraße an einem bewölkten Tag fotografiert, und die Häuser sahen aus, als würden sie unter dem Gewicht des Himmels ein wenig zusammensacken. Hausnummer 1: ein Reihenhaus mit Gardinen, die vermutlich seit der Wiedervereinigung nicht gewaschen worden waren. Hausnummer 3: ein Bungalow mit einem Gartenzwerg, der ein Saxophon spielte. Hausnummer 5: ein Doppelhaus, dessen eine Hälfte gelb und dessen andere Hälfte grün gestrichen war, als hätten sich die Bewohner nicht einigen können und den Konflikt durch passive Aggression gelöst.

Hausnummer 7: ein schmales Haus mit einer Hecke.

Hausnummer 7b.

Thomas blinzelte.

Im Vorgarten von Hausnummer 7b — zwischen einem Briefkasten, der aussah, als hätte er seit Jahren keine Post empfangen, und einem Rosenbeet, das mehr Dornen als Rosen trug — stand ein Alpaka.

Thomas lehnte sich zurück. Er rieb sich die Augen. Er lehnte sich vor. Das Alpaka war noch da. Es war weiß, oder zumindest jener Farbton von Weiß, den man erhält, wenn ein weißes Tier mehrere Monate in einem Vorgarten verbringt, der offensichtlich über Matsch verfügte. Es blickte direkt in die Kamera des Google-Autos, mit jenem Gesichtsausdruck, den nur Alpakas beherrschen: eine Mischung aus milder Überraschung und kosmischer Gleichgültigkeit.

Thomas minimierte das Browserfenster. Er öffnete es wieder. Das Alpaka war noch immer da.

Er stand auf, ging zum Fenster und blickte in den Innenhof des AAZ. Dort stand ein anderes Alpaka — das Alpaka, das seit Monaten hier lebte und dessen drei Babies, Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn, gerade damit beschäftigt waren, an einem Büschel Gras zu kauen, das zwischen den Pflastersteinen wuchs. Thomas betrachtete das Innenhof-Alpaka. Dann betrachtete er das Bildschirm-Alpaka. Sie sahen sich ähnlich. Nicht identisch — das Bildschirm-Alpaka war etwas kleiner und hatte einen dunkleren Fleck am linken Ohr — aber ähnlich genug, um die Frage aufzuwerfen, die Thomas sich nicht stellen wollte: Wie viele Alpakas waren in diese Geschichte verwickelt?

Er beschloss, diese Frage auf Unterliste G zu verschieben (neu zu erstellen) und sich auf die Routenplanung zu konzentrieren.

Bus 47.

Natürlich Bus 47. Die Linie, deren Nummer mit der Anzahl der Punkte auf Thomas’ To-Do-Liste identisch war, was entweder ein Zufall war oder ein Beweis dafür, dass das Universum einen Sinn für Numerologie besaß. Bus 47 fuhr vom Hauptbahnhof — Haltestelle „Am Amt", direkt vor dem AAZ — zum Stadtrand, Haltestelle „Mittwochstraße/Dienstagstraße." Die Fahrt dauerte, laut Fahrplan, siebenunddreißig Minuten. Thomas notierte dies auf Unterliste C (Packliste für Aktentasche), obwohl es dort nicht hingehörte. Er erstellte Unterliste C-1 (Routenplanung) und übertrug die Information.

C-1.1: Bus 47 ab „Am Amt", Abfahrt 8:12 Uhr.

C-1.2: Ankunft „Mittwochstraße/Dienstagstraße", 8:49 Uhr.

C-1.3: Fußweg zur Dienstagstraße 7b, geschätzt 10 Minuten.

C-1.4: Ankunft vor Ort: ca. 8:59 Uhr.

Thomas betrachtete die letzte Zeile. 8:59 Uhr. Er würde vor neun Uhr ankommen. War das angemessen? Konnte man einen Mann, der seit fünfzehn Jahren als „dauerhaft abwesend" galt, vor neun Uhr morgens aufsuchen? Die Etikette für den Besuch bei verschollenen Kollegen war, soweit Thomas wusste, in keinem Formular geregelt. Er überlegte, ob er Formular 12c-Anlage-9 beantragen sollte: „Ergänzende Angaben zur Besuchszeit bei dienstlichen Außenterminen." Dann erinnerte er sich, dass Anlage 9 nicht existierte. Er hatte nachgesehen.

Er entschied sich für den Bus um 8:42 Uhr. Ankunft 9:19 Uhr. Das war zivilisierter.

C-1.5: Alternative Route bei Busausfall: Bus 23 bis „Sonnenscheinweg", dann 25 Minuten Fußweg in südwestlicher Richtung.

C-1.6: Alternative Route bei totalem ÖPNV-Ausfall: Dienstfahrrad.

Thomas strich C-1.6 durch. Das Dienstfahrrad. Herr Kettner hatte es vorgeschlagen, vermutlich im Scherz, obwohl Kettner und Scherz zwei Konzepte waren, die sich in der Realität des AAZ so selten begegneten wie Kometen und Dinosaurier. Das Dienstfahrrad stand im Keller, neben dem Archiv, und hatte nicht nur einen platten Reifen, sondern auch einen Sattel, der mit Klebeband umwickelt war, einen Lenker, der leicht nach links zog, und eine Klingel, die den Klang einer sterbenden Hummel erzeugte. Pflüger hatte einmal versucht, es zu reparieren, und danach hatte es zwei platte Reifen gehabt.

Thomas speicherte die Routenplanung, druckte sie aus (dreifache Ausfertigung, aus Gewohnheit), und legte sie in den Schnellhefter „Schmied-Materialien."

Dann wandte er sich dem Untersuchungsausschuss zu.

Die E-Mail an Frau Dr. Winterkorn schrieb sich fast von selbst:

Sehr geehrte Frau Dr. Winterkorn, hiermit informiere ich den Untersuchungsausschuss darüber, dass ich am kommenden Dienstag einen dienstlichen Außentermin wahrnehmen werde, um den ehemaligen Sachbearbeiter Schmied persönlich aufzusuchen. Genehmigung liegt vor (Formular 12c, genehmigt von Herrn Kettner mit Vermerk „Auf eigenes Risiko"). Die Adresse lautet: Dienstagstraße 7b. Ich werde im Anschluss Bericht erstatten. Mit freundlichen Grüßen, Thomas Müller-Hinterberg, Zimmer 312.

Er klickte auf „Senden." Drei Sekunden später erhielt er eine automatische Antwort:

Der Untersuchungsausschuss zur Untersuchung des Untersuchungsgegenstandes nimmt Ihre Mitteilung zur Kenntnis. Budget für Außentermine: 0,00 €. Bitte stellen Sie sicher, dass keine Kosten entstehen, die das Budget überschreiten.

Thomas betrachtete die E-Mail. Das Budget des Ausschusses war von 0,01 Euro auf 0,00 Euro gesunken. Er fragte sich, wofür die 0,01 Euro ausgegeben worden waren, entschied aber, dass diese Frage für einen anderen Tag aufbewahrt werden sollte.

Er blickte ein letztes Mal auf den Bildschirm. Google Street View zeigte noch immer die Dienstagstraße 7b. Das Alpaka im Vorgarten kaute. Die Kamera hatte den Moment eingefangen, in dem es den Kopf leicht zur Seite neigte, als hätte es eine Frage, die es nicht formulieren konnte.

Thomas kannte das Gefühl.

Er schaltete den Computer aus, nahm seine Aktentasche und ging zur Tür. Im Flur traf er Frau Behrens-Goldbach, die aus Zimmer 314 kam und einen Stapel Akten trug, der ungefähr die Höhe und Stabilität eines Jenga-Turms im Endstadium hatte.

„Ich fahre morgen hin", sagte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach nickte. Sie nickte auf eine Weise, die sagte: Ich weiß. Ich habe immer gewusst, dass Sie hinfahren würden. Ich wusste es, bevor Sie es wussten. Ich wusste es, bevor Schmied es wusste. Ich wusste es möglicherweise, bevor Schmied überhaupt eingezogen ist.

Was sie tatsächlich sagte, war: „Nehmen Sie einen Regenschirm mit."

Thomas machte sich eine mentale Notiz, Punkt 13 auf der To-Do-Liste zu aktualisieren: Regenschirm — ja.

Im Innenhof, drei Stockwerke tiefer, blickte das Alpaka zum Fenster hinauf. Es kaute. Die drei Babies standen in einer Reihe hinter ihm, wie eine kleine, wollige Ehrengarde. Einhorn — das kleinste der drei, mit einem dunklen Fleck am linken Ohr — neigte den Kopf zur Seite.

Genau wie das Alpaka auf dem Bildschirm.