Kapitel 68

Die Wahrheit der Kollegin

Thomas Müller-Hinterberg rannte.

Es war kein elegantes Rennen. Es war die Art von Fortbewegung, die entsteht, wenn ein Mann, der seit fünfzehn Jahren seine Tage in einer sitzenden Position verbringt, plötzlich von der vertikalen Beschleunigung ergriffen wird — ein hektisches Schlurfen, das in einen unrhythmischen Trab überging und dabei Geräusche erzeugte, die an einen Pudel auf Parkettboden erinnerten. Thomas rannte durch den Flur des dritten Stocks, vorbei an Zimmer 313 (Archiv, seit 2007 unbesetzt), vorbei an der Teeküche (in der die Kaffeemaschine E-2847 ihr ewiges Brummen brummte), und kam vor der Tür von Zimmer 314 zum Stehen.

Er klopfte. Dann, bevor eine Antwort kommen konnte, öffnete er die Tür.

Die Treppe hatte — wie Treppen es an sich hatten — die Dramatik des Moments erheblich gedämpft. 130 Stufen vom sechsten in den dritten Stock waren 130 Stufen, in denen die Atemlosigkeit der Erkenntnis zur Atemlosigkeit der körperlichen Anstrengung mutierte und der Drang, Fragen zu stellen, vom Drang nach Sauerstoff abgelöst wurde. Thomas stand in der Tür von Zimmer 314, rang nach Luft und versuchte, einen Gesichtsausdruck zu erzeugen, der „Ich habe soeben ein architektonisch unmögliches Fenster entdeckt und weiß, dass Sie mehr wissen, als Sie sagen" ausdrückte, aber vermutlich eher „Ich habe soeben sechs Stockwerke Treppe bewältigt und benötige einen Stuhl" kommunizierte.

Frau Behrens-Goldbach saß an ihrem Schreibtisch. Ihr Büro war, wie immer, das exakte Gegenteil von Thomas’ Büro: aufgeräumt bis an die Grenze der Sterilität, mit einem Schreibtisch, dessen Oberfläche so leer war, dass man darauf hätte Tennis spielen können, und einem Aktenschrank, dessen Inhalte vermutlich nach einem System geordnet waren, das nur Frau Behrens-Goldbach selbst verstand — und möglicherweise nicht einmal sie. An der Wand hing ein Kalender mit Katzenfotos. Der aktuelle Monat zeigte eine graue Katze, die in die Kamera blickte, mit einem Gesichtsausdruck, der Frau Möbius’ chronischem Missmut verblüffend ähnelte.

„Setzen Sie sich", sagte Frau Behrens-Goldbach.

Thomas setzte sich. Der Besucherstuhl in Zimmer 314 war, im Gegensatz zu den meisten Stühlen im AAZ, bequem. Er besaß eine Polsterung, die den Sitzenden umfing wie eine wohlmeinende Umarmung, und Thomas hatte den Verdacht, dass Frau Behrens-Goldbach ihn privat angeschafft hatte, was im AAZ streng genommen ein Formular erfordert hätte (Formular 8d: Antrag auf Einbringung privater Möbelstücke in dienstliche Räumlichkeiten), aber Frau Behrens-Goldbach war nicht die Art von Person, die sich um Formular 8d scherte. Sie war die Art von Person, die ein Formular ansah und das Formular sich scherte.

„Sie wissen von dem Fenster", sagte Thomas. Es war keine Frage.

„Ich weiß von dem Fenster", bestätigte Frau Behrens-Goldbach. Sie faltete die Hände auf dem Schreibtisch — eine Geste, die Thomas als „Sitzungsmodus" kannte und die bedeutete, dass das Folgende wichtig sein würde. Oder zumindest wichtiger als das, was Frau Behrens-Goldbach normalerweise sagte, was, wenn Thomas ehrlich war, meistens bereits wichtiger war als alles, was alle anderen sagten.

„Ich habe es vor sieben Jahren gefunden", sagte sie.

Sieben Jahre. Thomas rechnete. Vor sieben Jahren war Frau Behrens-Goldbach in Zimmer 314 eingezogen, nachdem ihr vorheriges Büro — Zimmer 201 im zweiten Stock — bei einem „Wasserrohrbruch" überflutet worden war, den Pflüger als „technisch gesehen eher ein Wasserrohr-Selbstmord" bezeichnet hatte. Vor sieben Jahren hatte sie begonnen, die Akten zu ordnen, die sich seit Jahrzehnten angesammelt hatten. Vor sieben Jahren hatte sie — wie Thomas jetzt verstand — denselben Weg eingeschlagen, den er eingeschlagen hatte. Dieselben Fragen. Dieselben Entdeckungen. Dieselbe Treppe.

„Ich habe die 73 Ordner gelesen", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Alle. Band für Band. Ich habe drei Wochen gebraucht. Ich habe Überstunden gemacht, die ich nie abgerechnet habe, weil das Formular für Überstundenabrechnung bei Archivrecherche in nicht-existierenden Stockwerken nicht existiert — was, wenn man darüber nachdenkt, eine gewisse Ironie besitzt."

Sie machte eine Pause. Thomas wartete. Er war inzwischen darin geübt, auf Frau Behrens-Goldbachs Pausen zu warten. Ihre Pausen waren wie die Leerzeichen in einem Text: Sie enthielten keine Information, aber ohne sie ergab der Rest keinen Sinn.

„Ich habe verstanden, was Vorgang 2847/B ist", sagte sie schließlich.

Thomas beugte sich vor. Der Besucherstuhl gab ein leises Ächzen von sich, das entweder vom Polster oder von Thomas’ Erwartung stammte.

„Was ist er?"

Frau Behrens-Goldbach blickte ihn an. Ihre Augen, hinter der Brille mit dem dünnen Metallrahmen, hatten den Ausdruck einer Person, die eine sehr lange Geschichte auf eine sehr kurze Antwort reduzieren musste und wusste, dass die kurze Antwort die lange Geschichte nicht ersetzen konnte, aber auch wusste, dass Thomas die lange Geschichte bereits kannte, weil er sie in 73 Bänden gelesen hatte.

„Nichts", sagte sie.

Thomas wartete auf mehr. Es kam nicht sofort.

„Er ist nichts", wiederholte Frau Behrens-Goldbach. „Nicht im Sinne von ‚unwichtig’ oder ‚unbedeutend.’ Im Sinne von: Er ist die Abwesenheit eines Inhalts, die sich als Inhalt tarnt. Er ist ein Formular, das ein Formular erzeugt, das ein Formular erzeugt. Er ist ein Vorgang ohne Gegenstand. Ein Verb ohne Objekt. Eine Frage ohne Fragezeichen."

Sie stand auf — eine ungewöhnliche Geste für Frau Behrens-Goldbach, die in Sitzungen normalerweise saß wie ein Monument — und ging zum Fenster. Nicht zum unmöglichen Fenster. Zum normalen Fenster, das nach draußen zeigte, auf den Innenhof, in dem das Alpaka stand und kaute.

„Ich habe damals dasselbe getan wie Sie jetzt", sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe die Ordner gelesen. Ich habe das Fenster entdeckt. Ich habe Schmieds Computer hochgefahren. Ich habe die Dateien gesehen. Und dann habe ich aufgehört."

„Warum?"

Sie drehte sich um. „Weil es keinen Sinn hat, etwas zu beenden, das nie angefangen hat."

Thomas runzelte die Stirn. Es war die Art von Stirnrunzeln, die nicht Missbilligung, sondern ehrliche, aufrichtige, fast schmerzhafte Verwirrung ausdrückte — die Verwirrung eines Mannes, der 73 Bände gelesen, ein unmögliches Fenster entdeckt und einen Besuch bei einem verschwundenen Kollegen geplant hatte und nun erfahren musste, dass die Person, die neben ihm saß, seit sieben Jahren die Antwort kannte und trotzdem jeden Morgen pünktlich um 8:15 Uhr in Zimmer 314 erschien, ihren Tee trank und so tat, als wäre alles normal.

„Aber der Vorgang existiert", sagte Thomas. „Er erzeugt Formulare. Er hat ein Aktenzeichen. Er hat 73 Bände. Er hat mich fünfzehn Jahre meines Lebens gekostet."

„Nein", sagte Frau Behrens-Goldbach sanft. „Er hat Ihnen fünfzehn Jahre Ihres Lebens gegeben. Ohne Vorgang 2847/B hätten Sie fünfzehn Jahre lang nichts zu tun gehabt. Und ‚nichts zu tun haben’ in einem Amt ist keine Freiheit. Es ist eine Strafe."

Thomas öffnete den Mund. Dann schloss er ihn. Dann öffnete er ihn erneut.

„Gehen Sie zu Schmied", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Er erklärt es besser. Er hatte immer ein Talent dafür, Dinge zu erklären, die sich nicht erklären lassen."

Sie ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete die oberste Schublade und nahm ein Kuvert heraus. Es war weiß, DIN C5, und hatte die leicht wellige Textur von Papier, das lange in einer Schublade gelegen hatte und dabei die Form der darüberliegenden Gegenstände angenommen hatte. Frau Behrens-Goldbach reichte es Thomas.

Thomas öffnete das Kuvert. Darin lag ein einzelnes Blatt Papier.

Formular 7b.

Ausgefüllt. Jedes Feld. Jeder Durchschlag. Jede Anlage. Es war ein Formular 7b, das mit derselben Sorgfalt ausgefüllt worden war, die Thomas aus der Bürolegende 6a kannte — jene legendäre Perfektion, die Frau Winkler aus der Formularprüfung zum Zittern gebracht hatte. Aber dieses Formular war nicht von Schmied. Es war von Frau Behrens-Goldbach. Ihr Name stand in Feld 1.1 (Antragsteller), ihr Aktenzeichen in Feld 2.3 (Bearbeitungshinweis), ihre Unterschrift in Feld 7.4 (Unterschrift des Sachbearbeiters).

Und neben ihrer Unterschrift — in Feld 7.5 (Gegenzeichnung) — stand eine zweite Unterschrift.

Schmieds Unterschrift.

Thomas erkannte sie sofort. Die kleinen, präzisen Buchstaben. Die leichte Neigung nach rechts. Die Art, wie das „S" von „Schmied" einen winzigen Bogen machte, als würde es versuchen, dem Rest des Namens davonzulaufen.

Thomas hob das Formular ans Licht. Die Tinte von Frau Behrens-Goldbachs Unterschrift war verblasst — sieben Jahre alt, mindestens. Aber die Tinte von Schmieds Unterschrift war dunkel. Satt. Frisch.

Als hätte Schmied — der Mann, der seit fünfzehn Jahren als „dauerhaft abwesend" galt, der Mann, der in der Dienstagstraße 7b lebte, der Mann, der 73 Bände über nichts geschrieben hatte — dieses Formular vor kurzem unterschrieben.

„Wann hat er das unterschrieben?", fragte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach lächelte. Es war ein Lächeln, das nicht Freude, sondern Wissen ausdrückte — das Wissen einer Person, die eine Frage vorhergesehen hatte und die Antwort trotzdem nicht geben würde.

„Gehen Sie zur Dienstagstraße 7b", sagte sie. „Fragen Sie ihn selbst."

Thomas steckte das Kuvert in seine Aktentasche. Er stand auf. Er ging zur Tür. Er hielt inne.

„Frau Behrens-Goldbach."

„Ja?"

„Warum haben Sie mir all die Hinweise gegeben? Die Adresse. Den Schlüssel. Das alles."

Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und faltete die Hände. „Weil Schmied recht hatte", sagte sie. „Jemand anders muss es beenden. Und ich bin nicht die Richtige dafür." Sie machte eine Pause. „Ich bin diejenige, die die Hinweise gibt. So war es schon immer. Das ist mein Vorgang."

Thomas ging. Die Tür schloss sich hinter ihm mit dem leisen Klicken einer Erkenntnis, die noch nicht ganz gereift war, aber sich bereits ankündigte — wie der Geruch von Regen, kurz bevor er fällt.

In seiner Aktentasche lag ein Formular 7b mit zwei Unterschriften und einer Frage, die er nur an einem Ort beantworten konnte.

Dienstagstraße 7b.

Am Dienstag.