Kapitel 71

Die Datei

Der Bildschirm leuchtete in jenem fahlen Blauton, den Monitore annehmen, wenn sie wissen, dass gleich etwas Bedeutsames geschehen wird, es aber niemandem verraten wollen. Thomas Müller-Hinterberg saß auf Heinrich Schmieds Bürostuhl in Zimmer 601 und starrte auf die geöffnete Datei, deren Name allein schon eine Geschichte der Verzweiflung erzählte: 2847B_FINAL_v2_WIRKLICH_FINAL.doc.

Die Datei war offen.

Sie enthielt eine einzige Seite. Nicht mehr, nicht weniger. Keine Fußnoten. Keine Anhänge. Kein Inhaltsverzeichnis, obwohl Thomas von einer Datei mit diesem Namen durchaus ein Inhaltsverzeichnis erwartet hätte, schon allein der Vollständigkeit halber.

In der Mitte der Seite stand ein einziger Satz.

Schriftgröße 72.

Zentriert.

Fett.

Thomas las ihn. Er las ihn ein zweites Mal. Er las ihn ein drittes Mal, weil man Dinge dreimal liest, wenn man sichergehen will, dass die Realität sich nicht in der Zwischenzeit verändert hat.

Sie hatte sich nicht verändert.

Der Satz lautete:

Bitte Formular 7b ausfüllen.

Thomas lehnte sich zurück. Der Bürostuhl — Schmieds Bürostuhl, der legendäre Bürostuhl des sechsten Stockwerks, auf dem ein Mann gesessen hatte, der zur Bürolegende geworden war — knarzte. Es war ein tiefes, philosophisches Knarzen, das Knarzen eines Möbelstücks, das schon vieles gesehen hatte und von nichts mehr überrascht wurde.

Thomas lachte.

Es war kein fröhliches Lachen. Es war auch kein bitteres Lachen. Es war jenes spezielle Lachen, das entsteht, wenn der menschliche Verstand erkennt, dass die Pointe eines Witzes, auf die man wochenlang gewartet hat, darin besteht, dass es keine Pointe gibt.

Er hörte auf zu lachen.

Dann dachte er an die vergangenen Wochen. An die E-Mail mit dem Betreff, der sich mit jeder Weiterleitung vervielfachte wie ein bürokratischer Kettenbrief. An den dreifachen Umschlag mit dem leeren Blatt, auf dem nur das Wort Dienstag stand. An den USB-Stick mit der verschlüsselten Datei. An den zweiten USB-Stick mit dem Passwort für die verschlüsselte Datei, die auf den ersten USB-Stick verwies. An die Kaffeemaschine mit dem Fehlercode E-2847. An den Bürostuhl, unter dem eine Visitenkarte klemmte. An den Fahrstuhl, der ihn in den sechsten Stock brachte — nicht beim ersten Versuch, nicht beim zweiten, aber beim siebten, was, wie Thomas jetzt erkannte, vermutlich eine Art kosmische Symmetrie darstellte.

An Zimmer 601 mit dem Einhorn-Poster. An Zimmer 601b mit den dreiundsiebzig Ordnern. An die Bürolegende 6a. An die Ordnerfarben-Debatte im Untersuchungsausschuss mit dem Jahresbudget von einem Cent.

An die Katzen, die seine Ermittlungen sabotiert hatten.

An die Haikus, die der Drucker im dritten Stock von sich gab.

An das Alpaka im Innenhof und seine drei Babies.

An das Passwort Alpakas7b, das die Alpakas ihm buchstabiert hatten, indem sie im Hof standen und Dinge taten, die Alpakas normalerweise nicht tun, weil Alpakas normalerweise keine kryptografischen Hinweise geben.

Und die Antwort auf all das — die große Enthüllung, das Ergebnis der Ermittlung, der Kern des Geheimnisses, die Lösung des Rätsels — war:

Bitte Formular 7b ausfüllen.

Thomas lachte wieder.

Er lachte, bis ihm die Augen tränten. Er lachte, bis der Bürostuhl protestierend quietschte. Er lachte, bis Frau Möbius — die graue Katze, die sich offenbar auch im sechsten Stock aufhielt, weil Katzen keine Stockwerksgrenzen anerkennen — den Kopf durch die Tür steckte und ihn mit jenem Blick bedachte, den Katzen für Menschen reservieren, die offensichtlich den Verstand verloren haben.

„Formular 7b", sagte Thomas zu Frau Möbius.

Frau Möbius blinzelte.

„Formular 7b", wiederholte Thomas, als würde die Wiederholung die Absurdität mildern. Sie milderte sie nicht. Im Gegenteil: Jede Wiederholung machte es schlimmer, so wie jede Kopie einer Kopie unschärfer wird, bis nur noch das reine, destillierte Nichts übrig bleibt.

Thomas rieb sich die Augen. Er schaute auf den Bildschirm. Der Satz stand noch immer da. Schriftgröße 72. Zentriert. Fett. Unangreifbar in seiner Klarheit.

Formular 7b.

Das Formular, das er in den vergangenen Wochen ungefähr so oft ausgefüllt hatte wie manche Menschen Sudoku lösen — nicht aus Vergnügen, sondern weil es da war und ausgefüllt werden wollte. Das Formular mit den vierunddreißig Feldern, der unmöglichen Einhorn-Referenznummer und dem Feld 14b, das nach dem Zweck des Vorgangs fragte, obwohl niemand jemals den Zweck des Vorgangs hatte definieren können.

Formular 7b-revised. Formular 7b-revised-2. Formular 7b in dreifacher Ausfertigung. Formular 7b mit dem Stempel der Abteilung 6. Formular 7b, das Formular, das die Bürolegende 6a begründet hatte, weil Heinrich Schmied versucht hatte, es korrekt auszufüllen, und dabei die Existenz einer Endlosschleife entdeckte, die er nicht stoppen konnte.

Formular 7b war der Anfang. Formular 7b war das Ende. Und dazwischen lagen dreiundsiebzig Ordner voller Dokumente, die nichts anderes dokumentierten als die Tatsache, dass sie existierten.

Thomas schloss die Datei. Der Bildschirm fragte: Änderungen speichern? Thomas klickte Nein. Es gab nichts zu ändern. Es hatte nie etwas zu ändern gegeben.

Er stand auf. Der Bürostuhl rollte ein Stück zurück und kam zum Stillstand, wie ein pensioniertes Schiff, das sanft an die Kaimauer stößt.

Thomas trat ans Fenster. Der Innenhof lag im Nachmittagslicht. Das Alpaka stand unten im Gras, umgeben von seinen drei Babies, und kaute mit jener kontemplativen Gelassenheit, die nur Tiere besitzen, die niemals Formular 7b ausfüllen müssen.

Thomas drehte sich vom Fenster weg. Er wollte gehen. Zurück nach unten, in Zimmer 312, an seinen Schreibtisch, zu seinem Kaffee, der vermutlich kalt geworden war, aber das war er immer.

Dann hörte er Schritte.

Sie kamen aus dem Flur. Langsam. Regelmäßig. Ein gedämpftes Klick-Klack auf dem Linoleumboden, das weder eilig noch zögerlich klang, sondern mit jener zeitlosen Bestimmtheit, mit der jemand geht, der genau weiß, wo er hinwill, und es nicht besonders eilig hat, dort anzukommen.

Es waren nicht die Schritte des Hausmeisters. Herr Pflüger trug Gummisohlen.

Thomas stand still.

Die Schritte kamen näher.