Das Zertifikat
Der Drucker im dritten Stock stand an seinem angestammten Platz neben dem Feuerlöscher, der seit 2017 nicht mehr geprüft worden war, und dem Gummibaum, der seit 2014 kein Wasser mehr bekommen hatte, aber trotzdem wuchs, weil Gummibäume in Behörden eine Zähigkeit entwickeln, die in der freien Wildbahn ihresgleichen sucht.
Thomas stand vor dem Drucker.
Der Drucker stand vor Thomas.
Es war das dritte oder vierte Mal, dass sie einander in den vergangenen Wochen gegenübergestanden hatten, und ihre Beziehung hatte sich verändert. Am Anfang war der Drucker ein Feind gewesen — ein Gerät, das Haikus druckte, wenn man Formulare wollte, und neunundvierzig Kopien von Seite zwei produzierte, wenn man eine Kopie von Seite eins brauchte. Dann war er ein Rätsel geworden. Dann ein Verbündeter. Und jetzt, in diesem Moment, war er etwas, das Thomas nur als Zeuge bezeichnen konnte.
Der Drucker war ein Zeuge. Er hatte die ganze Geschichte miterlebt, auf seine eigene, mechanische Art, und jetzt war er hier, um das Ende zu bezeugen.
„Dreifache Ausfertigung", sagte Thomas.
Der Drucker sagte nichts. Drucker sagen nie etwas. Aber er summte leise, was Thomas als Einverständnis deutete.
Thomas legte das ausgefüllte Formular 7b-revised-2 in den Einzug. Das Formular glitt hinein wie ein Brief in einen Briefkasten — sanft, unwiderruflich, mit jener stillen Endgültigkeit, die Dingen innewohnt, die man nicht zurückholen kann, sobald sie einmal eingezogen sind.
Thomas drückte die Taste für drei Kopien.
Der Drucker tat nichts.
Thomas wartete.
Der Drucker tat weiterhin nichts. Sein Display zeigte VERARBEITUNG an, in jener serifenlosen Schrift, die Drucker verwenden, wenn sie nachdenken. Oder wenn sie abstürzen. Die Grenze zwischen beidem war bei Druckern fließend.
Zehn Sekunden vergingen. Zwanzig. Dreißig. Eine Minute.
Thomas’ Finger schwebte über der Abbruchtaste. Er hatte Erfahrung mit diesem Drucker. Er wusste, dass eine Verarbeitungszeit von mehr als dreißig Sekunden in der Regel bedeutete, dass der Drucker in eine existenzielle Krise geraten war, aus der er nur durch einen Neustart, ein Gebet oder das Entfernen und Wiedereinsetzen der Tonerkartusche befreit werden konnte.
Aber diesmal wartete Thomas.
Der Drucker begann zu arbeiten.
Es war nicht das übliche Geräusch. Nicht das ratternde, widerwillige Mahlen eines Geräts, das unter Protest funktioniert. Es war ein gleichmäßiges, fast musikalisches Surren, wie eine Nähmaschine oder ein zufriedenes Insekt. Der Drucker wollte drucken. Zum ersten Mal in seiner betrieblichen Laufbahn tat er etwas nicht unter Zwang, sondern aus eigenem Antrieb.
Aus dem Ausgabefach glitt ein Blatt Papier.
Thomas nahm es.
Es war nicht das Formular.
Es war kein Haiku.
Es war kein neunundvierzigfaches Duplikat von Seite zwei.
Es war ein Zertifikat.
Thomas starrte auf das Blatt. Es war auf schwerem Papier gedruckt — woher der Drucker schweres Papier hatte, war eine Frage, die Thomas zu einem anderen Zeitpunkt stellen würde, aber nicht jetzt, denn jetzt war er zu beschäftigt damit, das zu lesen, was auf dem Papier stand:
ABSCHLUSSZERTIFIKAT
Vorgang 2847/B
Hiermit wird bestätigt, dass der Vorgang 2847/B, eröffnet am Dienstag, betreffend Formular 7b und zugehörige Folgeprozesse, ordnungsgemäß und abschließend bearbeitet wurde.
Alle Formulare wurden eingereicht. Alle Felder wurden ausgefüllt. Alle Fristen wurden eingehalten (Frist: Dienstag).
Der Vorgang ist hiermit geschlossen.
Datum: Dienstag
Unterschrift: [automatisch generiert]
H. Schmied (i.A.)
Stempel: AAZ — Amt für Allgemeine Zuständigkeiten
Thomas hielt das Zertifikat in beiden Händen. Es war warm vom Drucker, und die Tinte roch nach jenem speziellen Druckertonergeruch, der in Bürogebäuden als Parfum der Produktivität gilt.
H. Schmied (i.A.).
Im Auftrag. Aber wessen Auftrag? Schmieds eigener? Der Auftrag des Vorgangs? Des Formulars? Des Systems, das seit 1987 lief und sich selbst am Leben hielt wie ein Uhrwerk, das vergessen hat aufzuhören?
Thomas bemerkte, dass seine Hände leicht zitterten. Nicht vor Angst. Nicht vor Aufregung. Sondern vor jenem seltsamen Gefühl, das entsteht, wenn etwas zu Ende geht, das man nicht für beendbar gehalten hat. Es war das Gefühl, das man hat, wenn der letzte Ton eines Orchesterstücks verklingt und die Stille danach lauter ist als die Musik.
Der Drucker surrt zufrieden. Es war ein Surren, das Thomas noch nie gehört hatte — ein sattes, warmes Surren, das Surren einer Maschine, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte etwas Sinnvolles produziert hat und nun in der Befriedigung dieser Leistung badet wie ein Schwimmer im warmen Meer.
Thomas schaute auf das Display. Es zeigte nicht mehr VERARBEITUNG an. Es zeigte etwas anderes an, etwas, das Thomas noch nie auf dem Display dieses Druckers gesehen hatte:
FERTIG.
Nicht BEREIT. Nicht FEHLER. Nicht PAPIERSTAU IN FACH 2. Fertig. Als hätte der Drucker seine Lebensaufgabe erfüllt und wäre nun bereit für den Ruhestand — falls Drucker in den Ruhestand gehen können, was sie vermutlich nicht können, aber was dieser Drucker verdient hätte.
Thomas nahm auch die drei Kopien des Formulars aus dem Ausgabefach. Sie waren perfekt. Drei identische Kopien, alle Felder lesbar, kein Papierstau, keine verschmierten Ränder, kein Haiku auf der Rückseite. Drei Kopien, wie bestellt. Es war das erste Mal seit dem Quartalsbericht von 2022, dass dieser Drucker genau das gedruckt hatte, was man ihm aufgetragen hatte.
Thomas hielt das Zertifikat in der linken Hand und die drei Formularkopien in der rechten. Er stand im Flur des dritten Stocks, neben dem Feuerlöscher und dem unsterblichen Gummibaum, und er wusste nicht genau, was er fühlen sollte.
Erleichterung?
Triumph?
Verwirrung?
Er fühlte alles gleichzeitig, was sich anfühlte wie nichts, was sich anfühlte wie Dienstag.
Thomas drehte sich um. Er wollte zurück zu seinem Büro. Er wollte den Kaffee trinken, der auf seinem Schreibtisch kalt wurde. Er wollte das Zertifikat in die Akte legen und die Akte schließen und die Akte archivieren und dann nach Hause gehen.
Hinter ihm sagte eine Stimme: „Na endlich."
Thomas erstarrte.
Die Stimme war ruhig. Alt. Freundlich. Sie kam aus der Richtung des Treppenhauses, wo das Licht am Nachmittag schräg einfiel und die Schatten lang und dünn machte wie die Schatten von Dingen, die schon sehr lange an ihrem Platz stehen.
Thomas drehte sich langsam um.
Im Flur stand ein älterer Herr.